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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 3 (Dezemberheft 1920)
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Vom Heute fürs Morgen
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Unsre Bilder und Noten
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0216

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hat A. D. G(4 44! Tabakgrundstücke
gehabt, schon 50s7, heute sicherlich
noch mehr, was alles bedeutet: die
„Frucht" der betreffenden Landstücke
wird nun nicht mehr als Nahrnng ge°
braucht, sondern verpafft. Gegenüber
dem Ekel der „wiedererstarkten" Al--
koholmihwirtschaft bedeutet das ja nicht
viel, aber beachtenswert ist es doch.
Alle Milderungsgründe zugegeben: es
bleibt ein übles Zeichen, wie weit die
Menschen dem Nikotin verfallen sind.
Insbesondere die Zigarette ist eigentlich
jetzt erst heimisch geworden, seitdem
man so vielfach auch „im Dienst"
rauchen kann. Man braucht sie zur
Anregung? Ich kenne fleitzige Kopf-
arbeiter, auch gntgestellte, die sich jetzt
das Iahrzehnte lang gewohnte Rauchen
abgewöhnt haben, aber ich kenne
anch Leute im Iungburschenalter, die
sich's jetzt erst nach dem „Nun gerade!"
angewöhnten. Und ich kenne Ar°
beitslose, die über den geringen Betrag
ihres Einkommens entrüstet sind, für
Zigaretten aber Geld ausgeben, als
verstände sich das von selbst.

Neulich fuhr ich die Nacht durch im
Schnellzuge. Das Abteil für Nicht--
raucher war voll, in dem für Raucher
rauchten a l le autzer mir. Drei „Herren",
die wie Kriegsgauner aussahen, waren
Kettenraucher von Zigarren mit Leib-
binden: wenn sie nicht schliefen, qualm--
ten sie ununterbrochen. Wer stattRauch
Luft atmen wollte, konnte im Gange
stehn. tzat der Staat heutigen Tages
einen Grund dazu, den Rauchern so
entgegenzukommen, daß er ihnen wohl
gar die volle tzälfte aller Abteile
einräumt? Wenn er das Rauchen in
den Zügen nicht schlechtweg verbie-
ten will, so sollte er's wenigstens

machen, wie England: ein Rancher-
abteil, höchstens zwei davon im ganzen
Zuge, damit genug.

Anter uns

^n Sachen der Kunstwart-Stiftnng
^ lhat unsre Einladung im September-
heft zu sehr frenndlichen Zeichnungen
geführt. Aber aus den Begleitbriefen
bei einigen geht ein Mißverständnis
hervor: es steht nicht so, daß etwa das
Erscheinen des Kunstwarts gefährdet
wäre (wovon gar keine Rede sein kann),
sondern es steht so, daß wir gerne, mein
Freund Callwey und ich, so lange wir
noch rüstig sind, dem Kunstwart über
unsernTodhinans die Bürg°
schaft nnbedingter sachlicher Unab-
hängigkeit von Geldinteressen sichern
möchten. Das würde am einfachsten
durch eine Stiftung geschehen, derenZin-
sen die etwaigen Nnterbilanzen decken
könnten. Den einzelnen Zeichnern vor-
läufig nnr auf diesem Wege unsern
Dank! Wir schreiben ihnen, wenn alles
klarer ist. Der Kunstwart hat gerade
jetzt viel zu wichtige Aufgaben, als daß
ich an ein Zurücktreten von seiner Lei-
tung denken dürfte. A

nna Lroissant-Rust feiert
am (0. Dezember ihren 60. Geburts-
tag. Wir sprechen von ihr im nächsten
Hefte.

Lebende Worte

^»-n Lhristns ist zum ersten Mal auf
Oder Erde Gott selbst sich zum Be°
wußtsein gekommen. In Christus er-
kannte Gott als Mensch zum ersten
Mal sich selbst. Seitdem sind fast zwei-
tausend Iahre vergangen. Aber frei-
lich: „Tausend Iahre sind vor ihm wie
einLag". Morgenstern

Unsre BUder und Noten

as Vlatt vor unserm Heft gibt in der Originalgröße einen Ausschnitt ans
^ einem farbigen tzolzschnitt Albrecht Altdorfers wieder — was weg-
gelassen, ist in der Hauptsache reiches Rahmenwerk. „Ganntz schön bistn mein
fründtin und ein mackel ist nit in dir. Ave Waria." Wie entzückend ist das
Vild! Und bleibt es, obgleich zumal der Iesusbub wirklich keine Schönheit nnd
im Gesicht wohl vom Gesellen „verschnitten" ist, nnd obgleich anch andre Mängel
zu sehen sind! Derb ist da alles, volkstümlich, fast bänrisch, man mag sagen:
jahrmarktmäßig erscheint das Ganze: sieht man es an, so taucht seine Ilmwelt
auf, das Weiberl, das es aus seiner Bude verkauft, und das lante, bunte bahrische
Mannsbild-, Weibslent-, Buben- nnd Mädelvolk anf der Dult von damals.
 
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