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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 4 (Januarheft 1921)
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Avenarius, Ferdinand: Dem Geiste die Macht!
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Natorp, Paul: Hassenswert, weil wir nicht hassen?, [1]
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0227

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dende Geld? Was befiehlt über die Tausende von Kinos, als nach diesem
Werte das Geld? Was macht die Bilder-- und Bncher-Moden, als Tages-
Marktwerte, mit denen man spekuliert, als das Geld? Wer beherrscht
unsre Zeitungen, wer macht die öffentliche Meinung mehr, als das Geld?
Mitten in unsrer Zeit der Sozialdemokratie. Denn auch die hat die Not-
wendigkeit einer Volkswirtschaft mit Geistgut noch gar nicht erkannt und
kaum geahnt. Sie glaubte sogar der Kultur zu dienen, als sie unser System
von närrischen sogenannten „Arheber"-Rechten mitgeschaffen hat. Dieses
System aber gab den Ausnutzern die Macht, höchst unsozial und undemo-
kratisch nur deneu zu dienen, die zahlen könnten, den Demos aber, auf
dessen innere Reinheit in der Demokratie das allermeiste ankommt, nach
ihrem Kapitalbedarf zu verbilden.

Von meinen Einzelvorschlägen zu „Goethe-Stiftung" und „Rrheber-
schatz"^ wird man wohl diesen oder jenen mit irgendwelcher Anpassung an
die Welt von heute ausführen, und geschieht das mit Klugheit, so wird
es zwar nur etwas Weniges, aber doch immerhin etwas Mithelfendes sein.
Doch wird es nicht mehr helfen, als zersprengtes Stückwerk kann, wenn der
Gedanke es nicht zusammenfaßt, und wenn der Geist nicht treibt. Bei
Gott, es ist höchste Zeit für ein klares Bewußtwerden, was das bedeutet:
daß das Geld der Heimliche Kaiser auch unsres Geisteslebens meist schon
ist und wo er's nicht ist, zu werden droht. Der heimliche Kaiser;
alles, was in seinem Dienst steht, bindet ja dem Mammon alte und neue
Larven um, vnd versteckt seinen fetten Leib in irgendwelche, wohl gar
in kultisch wallende Gewänder. Wir müssen lernen, auch die freundlichst
lächelnden dieser Larven und auch die Mäntel mit großem Faltenwurf
zu durchschauen. Erst, wo wir den Leib der Sache sehn, können wir an ihn
heran. Immer und immer wieder: Volkswirtschaft mit Geistgut! Es
gibt keine Gewohnheits- und keine verbrieften Rechte auf der Welt, die
der Forderung begegnen dürften: daß nicht das Geld den Geist bestimme.
Das Preß-, das Bücher-, das Bühnen-, das Konzert-, das Kino-Wesen,
unser ganzer Kunst- und Wichtiges in unserm Wirtschastsbetrieb — das
alles muß mit der Aeit nicht etwa „ausgebaut", sondern vollkommen um-
gebaut werden oder, mit besserem Bilde gesagt: neugebaut auf ganz anderm
Boden und mit ganz andern Gedanken. Das ist es, was die große Revo-
lution der Geistesarbeit verlangt, die jetzt erst zu dämmern beginnt — diese
Menschheits-Revolution von Deutschland aus. Oder sollen es wieder
andere Völker sein, die zuerst deutsche Gedanken auswerten? A

* Man vergleiche die Dürerbundflugschrift Nr. 65 „Arheberschutz und Ar°
heberschatz".

Hasienswert, weil wir nicht hasien?

^>^er Versuch eines gebildeten Franzosen, eine Definition des Deutschen
geben, erregt uns heute nicht mehr in der Tiefe, wie da der
^^Krieg noch tobte. Wir sind es, die ihn abgebrochen haben, er ist
für uns abgetan, wir blicken vorwärts, nicht zurück. Wir haben genug
mit uns selbst zu tun, es reizt uns nicht zu wissen, wie der Feind von
uns denkt. Wir wollen ihm nichts, und wir wollen nichts von ihm.
Wir leiden unter seiner physischen Vivisektion, wir fragen nicht viel danach,
wie er sie ergänzt durch die psychologische. Es ist seine, nicht unsere Sache,
welches Zerrbild unseres Wesens ihm dienen muß, sich vor sich selbst
 
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