jedenfalls, also muß man auf ihn gerüstet sein. Zur Rüstung aber
rechneten sie — die Entrüstung wider den „Feind"; die Entfachung eben
des „nationalen Empsindens", <rn dem es dem Deutschen bis dahin so
auffallend gebrach. So predigte man „Vaterlandsliebe"; auffallend selten
Feindeshaß; bezeichnenderweise sast immer in der Form der Klage und
Anklage, daß kein Volk es daran so sehr fehlen lasse wie das unsere; fast
immer so, daß man durchfühlt, jeder hatte es nötig, das in sich selbst
erst künstlich aufzustacheln, jeder fühlte es selbst im Grunde als fremden
Tropfen in seinem Blute. Alles Künstliche und Aufgebauschte, Brutale im
deutschen „Hurrapatriotismus" ist vielleicht zuletzt gerade hieraus zu erklären.
Woher kommt das? Die Antwort liegt nah: Tausendfach gespalten,
ohne klare Einheit der Rasse, ohne ständige, deutliche Grenzen nach
außen, ohne gemeinsame Religion (wir haben entweder keine, oder jeder
eine für sich, oder eine übernationale), ohne gemeinsame Geschichtserinne-
rungen, die uns in solcher Festigkeit zusammenschließen könnten, daß
Deutscher und Deutscher sich empsinden müßten als solche, die von sich
aus, ohne andern Grund, dasselbe wollen und nicht wollen, dasselbe lieben
und hassen müssen — wie soklten wir, als Nation, ein ursprüngliches
Gemeinempfinden aufbringen?
Aber das ist noch nicht das Ganze und das Letzte; der eigentliche
Grund liegt, glaube ich, tiefer. Er liegt genau in dem, was unser Ver-
fasser — gewiß nicht analytisch erwiesen, aber instinktiv herausgefühlt, und
dann nur unglaublich falsch gedeutet hat: in unserem Unvermögen, uns
unbedingt und ungeteilt mit unsrer Seele hinzugeben an irgend etwas,
das nicht selbst ein Nnbedingtes, ungeteilt Eines ist. Mit andern Worten,
unser „Empfinden" ist genau so „unendlich", und in diesem Sinne „un-
differenziert", wie unser, selbstverständlich bei uns wie bei jedem
andern aus dem Empfinden stammendes Wollen. Politik aber, äußere
zumal, die Absonderung und Gegenstellung einer Polis gegen die andre,
ist uns nichts Unbedingtes, dem Gebiete des teillos Einen Zugehöriges,
sondern fällt uns ganz in die Sphäre der Gespaltenheit, der Differen-
zierung. In diesem Sinne trifft Riviere den Nagel auf den Kopf, wenn
er sagt: Der Deutsche hatte kein Recht und gar keine innere Möglichkeit,
zu siegen, zu erobern, denn um zu siegen, um zu erobern, muß man
erst einmal einer sein, der Deutsche aber i st gar keiner; höchstens, unü
kaum, will er einer werden; nämlich im politischen, zumal weltpolitischen
Sinn, in dem Sinne, eine der Personen, einen der Helden zu spielen in
dem großen Drama der Welt--, Kriegs-- und Eroberungsgeschichte. Was
der Deutsche etwa sonst werden will, also ist (denn gerade er läßt sich
gesagt sein: „Werde, der du b ist"), das ist vielleicht — unter anderm
auch etwas Politisches, aber in einem ganz anderen Sinne der Politik,
einem Sinne, der wohl selbst ein Moment des Nnbedingten, Äberendlichen,
nicht Zerteilten in sich schließt.
Damit aber berühren wir den Punkt, von dem aus dem Verfasser meine
Ausführungen im Kunstwart merkwürdig waren und er glauben konnte,
gerade in meiner stark idealistischen, wohl auch manchem bei nns über-
schwänglich erschienenen Zeichnung des deutschen „Wesens" die schlagendste
Bestätigung dessen zu finden, was ihn, wie er meint, seine Beobachtungen
gelehrt hatten. Wir kommen damit zum zweiten, nicht weniger interes-
santen Teile seines Buches. (Schluß folgt)
Marburg Paul Natorp
rechneten sie — die Entrüstung wider den „Feind"; die Entfachung eben
des „nationalen Empsindens", <rn dem es dem Deutschen bis dahin so
auffallend gebrach. So predigte man „Vaterlandsliebe"; auffallend selten
Feindeshaß; bezeichnenderweise sast immer in der Form der Klage und
Anklage, daß kein Volk es daran so sehr fehlen lasse wie das unsere; fast
immer so, daß man durchfühlt, jeder hatte es nötig, das in sich selbst
erst künstlich aufzustacheln, jeder fühlte es selbst im Grunde als fremden
Tropfen in seinem Blute. Alles Künstliche und Aufgebauschte, Brutale im
deutschen „Hurrapatriotismus" ist vielleicht zuletzt gerade hieraus zu erklären.
Woher kommt das? Die Antwort liegt nah: Tausendfach gespalten,
ohne klare Einheit der Rasse, ohne ständige, deutliche Grenzen nach
außen, ohne gemeinsame Religion (wir haben entweder keine, oder jeder
eine für sich, oder eine übernationale), ohne gemeinsame Geschichtserinne-
rungen, die uns in solcher Festigkeit zusammenschließen könnten, daß
Deutscher und Deutscher sich empsinden müßten als solche, die von sich
aus, ohne andern Grund, dasselbe wollen und nicht wollen, dasselbe lieben
und hassen müssen — wie soklten wir, als Nation, ein ursprüngliches
Gemeinempfinden aufbringen?
Aber das ist noch nicht das Ganze und das Letzte; der eigentliche
Grund liegt, glaube ich, tiefer. Er liegt genau in dem, was unser Ver-
fasser — gewiß nicht analytisch erwiesen, aber instinktiv herausgefühlt, und
dann nur unglaublich falsch gedeutet hat: in unserem Unvermögen, uns
unbedingt und ungeteilt mit unsrer Seele hinzugeben an irgend etwas,
das nicht selbst ein Nnbedingtes, ungeteilt Eines ist. Mit andern Worten,
unser „Empfinden" ist genau so „unendlich", und in diesem Sinne „un-
differenziert", wie unser, selbstverständlich bei uns wie bei jedem
andern aus dem Empfinden stammendes Wollen. Politik aber, äußere
zumal, die Absonderung und Gegenstellung einer Polis gegen die andre,
ist uns nichts Unbedingtes, dem Gebiete des teillos Einen Zugehöriges,
sondern fällt uns ganz in die Sphäre der Gespaltenheit, der Differen-
zierung. In diesem Sinne trifft Riviere den Nagel auf den Kopf, wenn
er sagt: Der Deutsche hatte kein Recht und gar keine innere Möglichkeit,
zu siegen, zu erobern, denn um zu siegen, um zu erobern, muß man
erst einmal einer sein, der Deutsche aber i st gar keiner; höchstens, unü
kaum, will er einer werden; nämlich im politischen, zumal weltpolitischen
Sinn, in dem Sinne, eine der Personen, einen der Helden zu spielen in
dem großen Drama der Welt--, Kriegs-- und Eroberungsgeschichte. Was
der Deutsche etwa sonst werden will, also ist (denn gerade er läßt sich
gesagt sein: „Werde, der du b ist"), das ist vielleicht — unter anderm
auch etwas Politisches, aber in einem ganz anderen Sinne der Politik,
einem Sinne, der wohl selbst ein Moment des Nnbedingten, Äberendlichen,
nicht Zerteilten in sich schließt.
Damit aber berühren wir den Punkt, von dem aus dem Verfasser meine
Ausführungen im Kunstwart merkwürdig waren und er glauben konnte,
gerade in meiner stark idealistischen, wohl auch manchem bei nns über-
schwänglich erschienenen Zeichnung des deutschen „Wesens" die schlagendste
Bestätigung dessen zu finden, was ihn, wie er meint, seine Beobachtungen
gelehrt hatten. Wir kommen damit zum zweiten, nicht weniger interes-
santen Teile seines Buches. (Schluß folgt)
Marburg Paul Natorp


