Anna Croiffant-Nust
^^v^-er ein Weniges von der Werdezeit der weiland „Moderne" weiß,
V Hwird sich an manchen einst klangvollen Namen erinnern, der nun
schon verschollen ist. Von den Bekanntesten jener Tage sind viele
dahingeschieden'— Liliencron, Dehmel, Bierbaum, Hartleben, Falke, Dau--
thendey. Von den ehemals Meistgefeierten nennen wir einige jetzt mehr
mit Verlegenheit als mit aufrichtiger Anerkennung — Halbe, Conrad,
Tovote, Busse. Sehe ich recht, so ist nur ein Name aus dem Mitarbeiter-
kreis des „Modernen Musenalmanachs" von Iahrfünft zu Iahrfünft ruhig
an Gewicht gewachfen, der der Frau Eroiss ant - Rust, die nun ihren
sechzigsten Geburttag feierte. Sehr begreiflich, daß man das damals nicht
allgemein erkannte. Lesen wir heute ihre „Lebensstücke", ihren „Feier-
abend", ihre „Gedichte in Prosa", alles Bücher aus den ersten neunziger
Iahren, so mögen wir ihnen alle Ehren erweisen. Wie man es damals
forderte, hat sie Kraßheiten gewagt, Intimstes breit geschildert, spezifisch
bürgerliche Äberlieferungen und Anschauungen brüskiert, seelische und
leibliche Sehnsucht hinausgerufen, Kenntnis des Massenelends und tiefes
Mitgefühl mit ihm offenbart, die „Freiheit" des Literaten und der Literatin,
des Künstlers und der Künstlerin gefeiert. Und nach Kräften die „Wirk-
lichkeit" festgehalten wie nur je ein Realist. Ich glaube, wer sehr ruhig
und achtsam hingehorcht hätte, HLtte zwei Eigenschasten bei ihr entdeckt,
die nicht jedem ihrer Mitstrebenden gegeben waren: vollkommene innere
Echtheit und eine unzweideutige, trotz mancher Nnreifen und Ausbrüche
unmißverständliche Anlage zur inneren Äberlegenheit über Zeitphrasen,
Phrasen überhaupt, über Schwächen und große Gebärden, über literarische,
persönlichs und soziale Aufbauschungen. So sind manche jener Stücke
noch heute vollkommen lesbar und gehaltvoll, andere gewiß mit den Tagen
der Äberreiztheit und der literarischen Extravaganzen überholt. Die sernere
Entwicklung aber hat jene Anlagen zu voller Reife gebracht.
Unter den wenigen Dichterinnen unserer Tage ist Anna Croissant viel-
leicht die schlichteste, sachlichste, von Äberschwang wie von Geziertheit freieste.
An Echtheit des inneren Feuers, der gebändigten Leidenschaft wird sie von
keiner übertrofsen. Und ferner als hundert andere steht sie dem Getümmel
der Richtungen und Moden, der Schwäche, die hilflos leidet unter der
Wucht und dem Elend der Zeit. Dennoch kennt sie mitfühlend und ver-
ständnisvoll die Leiden und Bitternisse unseres Erdendaseins; und wenn
ihre kraftvolle Äberlegenheit zuweilen mit gutem Erfolg sich in herzhaftem
Humor äußert, so hat sie ihr Bestes doch im ernsten, ans Tragische
rührenden Prosabuch gegeben. Ich erinnere da zuerst an den „Felsen-
brunner Hof", jene düstere, herbe Geschichte einer niedergehenden Guts-
besitzerfamilie, darin die Dichterin sechs oder sieben verwandte und doch
grundverschiedene Charaktere mit unbestechlicher Kraft, jeden bis zu seinen
letzten entscheidenden Schicksalen entfaltet und entwickelt, einige bis zum
schauerlichen Tod, einige ins Alltägliche hinein, den stärksten über Iahre
bittrer Qualen hinweg bis zum Ausblick auf eine neue Zukunft hin; und
dieses Geflecht von Schicksalen erscheint in sich verknotet nicht nur, sondern
auch sicher verwoben mit den alltäglichen, ruhig wiedergegebenen Vor-
gängen der größeren Wirtschaftentwicklung und hineingestellt in eine fühl-
bare Landschaft- und Umweltatmosphäre. Ich erinnere an den Volks-
roman „Die Nann", jene Lebensgeschichte des tapferen und stolzen Tiroler-
200
^^v^-er ein Weniges von der Werdezeit der weiland „Moderne" weiß,
V Hwird sich an manchen einst klangvollen Namen erinnern, der nun
schon verschollen ist. Von den Bekanntesten jener Tage sind viele
dahingeschieden'— Liliencron, Dehmel, Bierbaum, Hartleben, Falke, Dau--
thendey. Von den ehemals Meistgefeierten nennen wir einige jetzt mehr
mit Verlegenheit als mit aufrichtiger Anerkennung — Halbe, Conrad,
Tovote, Busse. Sehe ich recht, so ist nur ein Name aus dem Mitarbeiter-
kreis des „Modernen Musenalmanachs" von Iahrfünft zu Iahrfünft ruhig
an Gewicht gewachfen, der der Frau Eroiss ant - Rust, die nun ihren
sechzigsten Geburttag feierte. Sehr begreiflich, daß man das damals nicht
allgemein erkannte. Lesen wir heute ihre „Lebensstücke", ihren „Feier-
abend", ihre „Gedichte in Prosa", alles Bücher aus den ersten neunziger
Iahren, so mögen wir ihnen alle Ehren erweisen. Wie man es damals
forderte, hat sie Kraßheiten gewagt, Intimstes breit geschildert, spezifisch
bürgerliche Äberlieferungen und Anschauungen brüskiert, seelische und
leibliche Sehnsucht hinausgerufen, Kenntnis des Massenelends und tiefes
Mitgefühl mit ihm offenbart, die „Freiheit" des Literaten und der Literatin,
des Künstlers und der Künstlerin gefeiert. Und nach Kräften die „Wirk-
lichkeit" festgehalten wie nur je ein Realist. Ich glaube, wer sehr ruhig
und achtsam hingehorcht hätte, HLtte zwei Eigenschasten bei ihr entdeckt,
die nicht jedem ihrer Mitstrebenden gegeben waren: vollkommene innere
Echtheit und eine unzweideutige, trotz mancher Nnreifen und Ausbrüche
unmißverständliche Anlage zur inneren Äberlegenheit über Zeitphrasen,
Phrasen überhaupt, über Schwächen und große Gebärden, über literarische,
persönlichs und soziale Aufbauschungen. So sind manche jener Stücke
noch heute vollkommen lesbar und gehaltvoll, andere gewiß mit den Tagen
der Äberreiztheit und der literarischen Extravaganzen überholt. Die sernere
Entwicklung aber hat jene Anlagen zu voller Reife gebracht.
Unter den wenigen Dichterinnen unserer Tage ist Anna Croissant viel-
leicht die schlichteste, sachlichste, von Äberschwang wie von Geziertheit freieste.
An Echtheit des inneren Feuers, der gebändigten Leidenschaft wird sie von
keiner übertrofsen. Und ferner als hundert andere steht sie dem Getümmel
der Richtungen und Moden, der Schwäche, die hilflos leidet unter der
Wucht und dem Elend der Zeit. Dennoch kennt sie mitfühlend und ver-
ständnisvoll die Leiden und Bitternisse unseres Erdendaseins; und wenn
ihre kraftvolle Äberlegenheit zuweilen mit gutem Erfolg sich in herzhaftem
Humor äußert, so hat sie ihr Bestes doch im ernsten, ans Tragische
rührenden Prosabuch gegeben. Ich erinnere da zuerst an den „Felsen-
brunner Hof", jene düstere, herbe Geschichte einer niedergehenden Guts-
besitzerfamilie, darin die Dichterin sechs oder sieben verwandte und doch
grundverschiedene Charaktere mit unbestechlicher Kraft, jeden bis zu seinen
letzten entscheidenden Schicksalen entfaltet und entwickelt, einige bis zum
schauerlichen Tod, einige ins Alltägliche hinein, den stärksten über Iahre
bittrer Qualen hinweg bis zum Ausblick auf eine neue Zukunft hin; und
dieses Geflecht von Schicksalen erscheint in sich verknotet nicht nur, sondern
auch sicher verwoben mit den alltäglichen, ruhig wiedergegebenen Vor-
gängen der größeren Wirtschaftentwicklung und hineingestellt in eine fühl-
bare Landschaft- und Umweltatmosphäre. Ich erinnere an den Volks-
roman „Die Nann", jene Lebensgeschichte des tapferen und stolzen Tiroler-
200


