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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

DOI issue:
Heft 5 (Februarheft 1921)
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Schumann, Wolfgang: Die Wahrheit in Not
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0302

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Die Wahrheit in Not

seinem „Reisetagebuch" macht Graf Keyserling aufmerksam auf die
^ L zahlreichen Abwege und Umwege des europäischen Denkens, auf den
^FWahn, der schon so viel Vorläufiges als Endgültiges gefeiert habe,
den Wahn, der in so viel einseitigen Formeln den Sinn der Welt er-
schöpft glaubte. „Aber jeder Fehltritt," so fährt er fort, „hat doch Gutes zur
Folge gehabt. Indem die einen nur Sein anerkannten, die anderen
nur Werden, erfuhr jede Möglichkeit im Kampf Ler Schüler eine so
scharfe Herausarbeitung, daß ihr Zusammenhang heute vollkommen deutlich
scheint. Indem kühne Revolutionäre die überkommene Moral ver-
warfen. . ., zwangen sie die übrigen, die Gründe ihrer entgegengesetzten
Aberzeugung aufzusuchen, wonach das Wahre sich als desto wahrer erwies
und mancher Irrtum aufgehoben ward. . . . Iede Kritik bringt Segen
auf die Dauer, so einseitig sie sei, soviel Schönes sie im Augenblick
zerstöre. Denn auch hier heißt es: stirb und werde!" Man wird darau
Zweifeln können, und jedenfalls bedürfte es näherer Antersuchung, ob
wirklich „jeder Fortschritt" in einem greifbaren Sinn „gute" Folgen hatte,
ob nicht so mancher ohne entsprechende Kritik geblieben ist und nach Er-
kenntnis letzter Instanz einfach ein unnötiger Umweg war. Viel merk-
würdiger ist mir aber eins: soviel ich sehe, bemerkt Keyserling nicht,
daß die von ihm mit einigem Recht gerühmte Kritik heute im Absterben
scheint, daß der von ihm geschilderte Verlauf: Behauptung — Kritik —
erneute und geklärte Behauptung — verschärfte Kritik — deutliches Er-
Icheinen der wahren Zusammenhänge, daß dieser Verlauf sich in unserer
Zeit verbreitert, zerspalten und verwischt hat bis zur Aukenntlichkeit. Hat
er sich irgendwann und irgendwo wirklich in so fruchtbarer Weise abge--
spielt, dann etwa im alten Griechenland, im Frankreich und England des
s8. und im Deutschland des beginnenden jy. Iahrhunderts, und zwar am
ehesten auf philosophischem Gebiete. Nach dem Einsetzen „unserer Zeit"

Februarhest <XXXIV, 5)

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