der Wissenschaft abwenden. Den Einzelwissenschaften zu? Einzelnen
Schulen zu? Einer neuen Religion zu? Wir wissen es nicht. Ist es „wahr",
daß wir es vorziehen sollten, nach der Wahrheit zu streben anstatt sie
aus erhabener Hand auf einnial zu empfangen, so mag darin für uns
Richtwissende ein Trost liegen.
Wolfgang Schumann
Fragen an unsere Politiker
ls die Konferenz zu Spa vorbereitet wurde, wies eine angesehene
Zeitung in mehreren dringenden Artikeln darauf hiu, dajz Deutschland
"^v^in der Abrüstungsfrage auf unerbittlichen Willen stoßen werde. Aber
auf unsere führenden Politiker wirkte dieser Wille wie etwas völlig Uner-
wartetes, als sie ihn dann fühlten. Ich möchte die peinlichen Linzelheiten,
die das beweisen, nicht ohne Äot aufzählen. Sondern fragen: Wie war es
möglich, daß die führenden Staatsmänner Deutschlands über die Stimmnng
des Auslandes schlechier unterrichtet waren, als die Frankfurter Zeitung?
Konnte die deutsche Regierung sich noch keinen Nachrichtendienst schaffen,
der wenigstens dem einer großen Zeitung entspricht?
Oder sind unsre deutschen Staatsmänner so eingestellt auf das Lärmen
der inneren Politik, daß sie wohl hören, wie empört man dort weitere Ab-
rüstung ablehnte, aber nun glaubten, das Ausland werde dieser deutschen
öffentlichen Meinung Rechnung tragen? Das Ausland tat das nicht, nun
versprach man gezwungen, was man vorher für unmöglich erklärte. Man
stände anders vor dem Auslande und anders vor dem dentschen Volke, wenn
man vorher ganz genau den Weg gefunden hätte, uin deutsche Notwendigkeit
und Stimmung des Auslandes nach Möglichkeit auszugleichen. Dazn aber
hätte gehört, daß man die Stimmung des Auslandes kannte.
Wie vieles würde man nicht reden — und nicht tun — wenn man immer
diese Stimmung gekannt hätte! Sogar jede Partei sollte ihr gutes, ihr sach-
liches Nachrichtenwesen für das Ausland haben. Ihr sachliches, keines,
das nach Wünschen der Partei und des persönlichen Temperamentes ab-
gestimmt wäre. Wie bitter rächen sich die Selbsttäuschungen!
(7PL deutsche Regierung ist der festen Äberzeugung, daß eine Abrüstung in
^dem Maße, in dem sie verlangt wird, ein großes Unglück für nns be-
deutet. Was weiß nun das Ausland, mit dem man sich doch ausein-
andersetzen muß, von den Lebensbedürfnissen, die Reichswehr und Sicher-
heitspolizei bei uns fordern? — Es war einer der größten Fehler unserer Re-
gierungen in der Kriegszeit, daß sie weder über die Stimmung des Aus-
landes genügend unterrichtet waren, noch imstande, diese Stimmung ihrer-
seits irgendwie zu beeinflussen. Wenn man zu letztereiu den Versuch machte,
so tat man's, als hätten die Engländer etwa das Keinütsleben eines Pommer-
schen Großgrundbesitzers oder eines Breslauer Obergerichtspräsidenten. —
Ist es damit jetzt im Wesentlichen schon anders geworden? — Oder
ist an Stelle der Beschränktheit, die sich überlegen gebärdet, die Beschränkt-
heit getreten, die sich plebejisch gebärdet?
Ist es denn nicht möglich, von Parteiwünschen abzusehen, eine Reihe
kluger, weitblickender und tiefschauender, seelenkündiger Männer anzustellen,
die im Interesse der deutschen Politik eine regelmäßige, fein und vornehm
gestimmte, starke und wirksame Aufklärungstätigkeit dem Auslande gegenüber
betreiben? Sachlich, unter sorgfältigster Vermeidung von Lügen und PhrLsen,
Verhüllungen und Täuschungen? Für solche Sorte von „Aufklärung" aller-
26S
Schulen zu? Einer neuen Religion zu? Wir wissen es nicht. Ist es „wahr",
daß wir es vorziehen sollten, nach der Wahrheit zu streben anstatt sie
aus erhabener Hand auf einnial zu empfangen, so mag darin für uns
Richtwissende ein Trost liegen.
Wolfgang Schumann
Fragen an unsere Politiker
ls die Konferenz zu Spa vorbereitet wurde, wies eine angesehene
Zeitung in mehreren dringenden Artikeln darauf hiu, dajz Deutschland
"^v^in der Abrüstungsfrage auf unerbittlichen Willen stoßen werde. Aber
auf unsere führenden Politiker wirkte dieser Wille wie etwas völlig Uner-
wartetes, als sie ihn dann fühlten. Ich möchte die peinlichen Linzelheiten,
die das beweisen, nicht ohne Äot aufzählen. Sondern fragen: Wie war es
möglich, daß die führenden Staatsmänner Deutschlands über die Stimmnng
des Auslandes schlechier unterrichtet waren, als die Frankfurter Zeitung?
Konnte die deutsche Regierung sich noch keinen Nachrichtendienst schaffen,
der wenigstens dem einer großen Zeitung entspricht?
Oder sind unsre deutschen Staatsmänner so eingestellt auf das Lärmen
der inneren Politik, daß sie wohl hören, wie empört man dort weitere Ab-
rüstung ablehnte, aber nun glaubten, das Ausland werde dieser deutschen
öffentlichen Meinung Rechnung tragen? Das Ausland tat das nicht, nun
versprach man gezwungen, was man vorher für unmöglich erklärte. Man
stände anders vor dem Auslande und anders vor dem dentschen Volke, wenn
man vorher ganz genau den Weg gefunden hätte, uin deutsche Notwendigkeit
und Stimmung des Auslandes nach Möglichkeit auszugleichen. Dazn aber
hätte gehört, daß man die Stimmung des Auslandes kannte.
Wie vieles würde man nicht reden — und nicht tun — wenn man immer
diese Stimmung gekannt hätte! Sogar jede Partei sollte ihr gutes, ihr sach-
liches Nachrichtenwesen für das Ausland haben. Ihr sachliches, keines,
das nach Wünschen der Partei und des persönlichen Temperamentes ab-
gestimmt wäre. Wie bitter rächen sich die Selbsttäuschungen!
(7PL deutsche Regierung ist der festen Äberzeugung, daß eine Abrüstung in
^dem Maße, in dem sie verlangt wird, ein großes Unglück für nns be-
deutet. Was weiß nun das Ausland, mit dem man sich doch ausein-
andersetzen muß, von den Lebensbedürfnissen, die Reichswehr und Sicher-
heitspolizei bei uns fordern? — Es war einer der größten Fehler unserer Re-
gierungen in der Kriegszeit, daß sie weder über die Stimmung des Aus-
landes genügend unterrichtet waren, noch imstande, diese Stimmung ihrer-
seits irgendwie zu beeinflussen. Wenn man zu letztereiu den Versuch machte,
so tat man's, als hätten die Engländer etwa das Keinütsleben eines Pommer-
schen Großgrundbesitzers oder eines Breslauer Obergerichtspräsidenten. —
Ist es damit jetzt im Wesentlichen schon anders geworden? — Oder
ist an Stelle der Beschränktheit, die sich überlegen gebärdet, die Beschränkt-
heit getreten, die sich plebejisch gebärdet?
Ist es denn nicht möglich, von Parteiwünschen abzusehen, eine Reihe
kluger, weitblickender und tiefschauender, seelenkündiger Männer anzustellen,
die im Interesse der deutschen Politik eine regelmäßige, fein und vornehm
gestimmte, starke und wirksame Aufklärungstätigkeit dem Auslande gegenüber
betreiben? Sachlich, unter sorgfältigster Vermeidung von Lügen und PhrLsen,
Verhüllungen und Täuschungen? Für solche Sorte von „Aufklärung" aller-
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