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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 5 (Februarheft 1921)
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Fuchs, Emil: Fragen an unsere Politiker
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Natorp, Paul: Hassenswert, weil wir nicht hassen?, [2]
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0310

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ist die Entlassung der Reichswehr erzwungew Wir müssen
^ mms einrichten auf ein Miteinanderleben ohne starken militärischen
Schutz. Seht ihr auch das nicht ein, daß es gut gewesen wäre, wenn man bei-
zeiten an diese Möglichkeit gedacht und eine innere Abrüstung der
Menschen vorbereitet hätte? Dazu gehörte auch, daß die Regierung und
jeder von uns daüernd uüd immer wieder Verständigung mit denen im an-
dern Lager sucht. Kommt uns nicht damit, daß der Linksradikalismus
oder der Rechtsradikalismus unversöhnlich und unbelehrbar seien. Wenn
es so aussieht, so hat jede Regierung und jeder Deutsche erst recht die Pflicht,
zu versuchen, ob sich das ändern läßt. Klare und willige Auseinandersetzung
mit ihrer Kritik und ihrer Stimmung zu versuchen, damit die Kluft sich
verringere, wenn das möglich ist. Nach rechts hin muß die Regierung
zeigen, daß ihr Ehre und Bestand dss Volkes durchaus so am Herzen liegt,
wie jedem andern. Sie nruß immer wieder deutlich zeigen, wie sie in
dieser Lage die Ehre zu wahren sucht. Das kann sie nur, wenn sie auch das
Ausland versteht und verstehen lehrt. — Nach links hin muß sie ihren
Ernst in der Frage der Sozialisierung zeigen und in immerwährender
öffentlicher Auseinandersetzung die Möglichkeiten hier erörtern und suchen.
Wo man Ernst und Wahrheit spürt, wächst Vertrauen. Wo man sie nicht
spürt, wächst Mißtrauen, selbst wenn Ernst uud Wahrhaftigkeit vielleicht
im Verborgenen da sind.

/Llne Reihe von Urteilen besonders der Militärgerichte haben in
^weiten Kreisen eine Erschütterung des Vertrauens zu unserer Rechts-
pflege gebracht, die verhängnisvoll werden kann. Wie das Erschießen der
Fünfzehn von Mechterstädt sich noch aufklären wird, ist heute nicht abzusehn.
Von den Verhandlungen aber ist, ob er berechtigt war oder nicht, der Ein-
druck zurückgeblieben, daß es dem Gericht nicht einmal wichtig war, auch
nur das Gesicht vollkommen unparteiischer Rechtspflege zu zeigen. War
es planmäßiger Wille — oder war den betrefsenden Beamten die Vorzugs-
stellung der „besseren Klassen" so selbstverständlich, daß sie nicht einmal ver-
suchten, alle Zeugen gleich zu behandeln? Nnd woran fühlt die Sffentlichkeit
sonst, daß von einem Gericht bewußt und stark der Wille zu unparteiischer
echter Rechtspflege ausgeht?

e»»och manche Frage wäre zu stellen. Vielleicht ist es gut, die Reihe ein
^^andermal fortzusetzen. Alles zusammen:

Was tut die Regierung, um einen einheitlichen Willen für die Vertretung
der deutschen Lebensnotwendigkeiten durchs ganze Volk hin zu schaffen?
Was tut die Regierung, um ein Verstehen unsrer Lebensnotwendigkeiten
im Auslande zu erwirken? — Was tut die Regierung, um ihrerseits ihr
Volk, um ihrerseits die Welt zu verstehn, durch deren Haß sie doch unser
Volk steuern soll?

Lisenach Emil Fuchs

Hasienswert, weil wir nicht haffen?

(Schluß)

2. Der Deutsche in seiner S e l b std a r st e l lu ng?

Der Verfasser erkennt meine Zeichnung des Deutschen an als „bemerkens-
wert aufrichtig" und vergleichsweise maßvoll, vor allem aber hervorragend
dsutsch, nach Form und Inhalt; sie gilt ihm darum als ein vollgültiges

* Ich weiß keine genauere Äbersetzung für das französische ä l'en croire
(„wenn man ihm glauben darf", d. h. wie er selbst angesehen sein will).

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