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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

DOI issue:
Heft 6 (Märzheft 1921)
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Avenarius, Ferdinand: Karfreitag
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0369

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Karfreitag

nach dem Glauben unsrer Ahnen in den dunkelsten Nächten
^die lichteste Göttin mit ihren Holden umging, so geht wohl manchem
durch die Nacht von heute das Traumbild eines echten Friedens
um. Wie säh es aus in der Welt, wenn statt all der Irrlichter die
Punkte Wilsons den Menschen nicht nur als Gasflammendekoration
am Plafond, sondern als echtes, wenn auch fernes Sternbild an einem
freien Himmel schienen! Oder wenn die Welt wäre, wie der pazifistische
Künstler sie über diesen Worten uns zeigt: die milde aber die wahrhaftige
Sonne am Himmel, das Schwert zum Kreuze geworden, und über den
zerschmetterten Schädeln die Rose der Bruderliebe erblüht. Hätten die
Mächtigen der Erde gehalten, was nur zu versprechen genügt hat, um
unser Volk zu entwaffnen, aber nur unser Volk — so hätte aus der
Bekämpfung tatsächlich die gemeinsame Arbeit der ehemaligen Feinde
werden können, und das hätte mit der Sicherheit einer natürlichen Ent--
wicklung auch die wildesten Triebe nach und nach gesänftigt und gebändigt
überall. Denn, was uns Deutsche betrifft: der kennte ja unsre Kopf-- und
Handarbeiter schlecht, der bezweifeln wollte: die deutsche Tatkraft hätte sich
mit Freuden darein ergossen, auch all den andern zu helfen, die unterm
Kriege und seinen Folgen gestöhnt. Wilsons „Punkte" ehrlich gehalten,
und wir ständen heute im März des Völkersrühlings.

Sie konnten nicht gehalten werden, weil die Völker als Massen im
Dunste des Weltwahns die Wirklichkeit und die Wahrheit nicht sehn.
Vor allem nicht draußen, aber zumal nach dem Weltbetruge auch nicht
bei uns. Das Nebeldenken beherrscht nun wieder die Mehrheiten auch

Märzhest 192( (XXXIV,

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