Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

DOI issue:
Heft 6 (Märzheft 1921)
DOI article:
Avenarius, Ferdinand: Karfreitag
DOI article:
Fischer, Eugen Kurt: Adolf Hildebrand, die Antike und wir: Betrachtungen zum Tode des Meisters
DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0371

DWork-Logo
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
Werden wir versagen? „Es ist Karfreitag der Menschheit", klagen
welche. Aber die gekreuzigt worden sind, sind doch nicht wir, die rings
leben. Möge die Seele der edelsten der Opfer zu Ostern unter uns auf--
erstehn! Wir sind noch nicht verloren und wir werden nicht verloren gehn.

A

Adolf Htldebrand, die Antike und wir

Betrachtungen zum Tode des Meisters

ergleicht man die jüngste Plastik mit den besten Werken Hildebrands,
(so spürt man zwlschen beiden kaum mehr irgendeinen Zusammen-
^^hang: Hildebrand scheint, obgleich seine Schüler, vor allem in
Müncheu, noch seine Wege wandeln, schon „historisch" geworden, mehr
Gegenstand für den Geschichtsschreiber der Kunst als lebendiger Anreger
für deu schaffenden Künstler. Der Taumel in Gliederekstasen scheint den
Gesetzgeber der Form innerlich und äußerlich überwunden zu haben, viel--
leicht nur vorübergehend, sür die Gegenwart aber doch so ablehnend, daß
man den Faden kaum mehr bei Hildebrand selbst wieder anknüpfen
wird. Das ist ja ohnehin eine Eigenheit der Kunstentwicklung, und zumal
der deutschen, daß eben gewonnene Werte durch eine neue Strömung
weggeschwemmt werden, bis auch diese sich totläuft und nun in Ruhe die
Synthese von Alterem und Neuerem in irgendeiner Form sich vollzieht.
Gottschcd bekämpfte die Literaturverwirrung seiner Zeit durch die Regel.
Ihre Anwender konnten und durften sie bald zerbrechen und Gottsched
wurde die komische Schulmeisterfigur der barocken Literaturgeschichte, bis
eine spätere Zeit seine Werte wieder sah und die zügellose Kraftmaierei
der Dichterrevolutionäre bändigte mit formalen Mitteln aus dem Arsenal
Gottscheds. Ganz ähnlich ist es bei Hildebrand rund anderthalb Iahrhunderte
später gewesen. Er wuchs auf und arbeitete in einer Zeit schlimmster
künstlerischer Unkultur und Stilverwirrung. Man mißachtete die Eigenart
jeglichen Materials, dessen rein mechanisch aufgefaßte Bearbeitung man
technischen tzilfskräften überließ, und füllte Salons, Straßen uud Plätze
mit sentimentalem, groteskem und patriotischem Kitsch, der vor keiner
noch so unkünstlerischen Behandlung der Formen und Häufung anekdotischer
Zutaten zurückschreckt und über die öde Schwatzhaftigkeit emblemenreicher
Genredarstellungen kaum je hinaus kam. Die Sieges-- und Heldendenkmäler
vor allem unserer Residenzen mit ihren Löwen, Adlern, Fahnen, Kanonen--
rohren, Trophäen und Uniformen zeugen noch heute von dieser plastischen
Gründerperiode. Daß Hildebrand, der Zeitgenosse eines Piloty und Rein--
hold Begas, aus eigener Kraft sich zur Nmkehr und Einkehr enlschloß,
ist sein großes Verdienst, und daß er in Italien an Hans von Marees
einen Lehrer und Freund fand, der ihm die neue, reine Kunstsorm finden
half, ist ein Gnadenakt des Schicksals.

Aber freilich: wir Deutschen verdanken ihm mehr eine Gesundung un--
seres Gefühls für plastische Kunst, als geniale Schöpfungen von Ewigkeits--
wert. Neben Hildebrand standen zwei Künstlernaturen von ungleich ge--
waltigerem Ausmaß: Klinger und Rodin — ihre Werke sind erfüllt
von der Dämonie faustischen Künstlertums. Hildebrand strebte nach dem
apollinischen Schönheitsideal der Alten, aber es fehlte ihm die verhaltene
Erfülltheit der antiken Menschen. Er erkannte das antike Gesetz der
Form und wendete es frei und gut an, aber das Individuelle und die
Gefühlsregungen fanden in seinen Werken kaum Ausdruck. Das ist im

323
 
Annotationen