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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

DOI issue:
Heft 6 (Märzheft 1921)
DOI article:
Fischer, Eugen Kurt: Adolf Hildebrand, die Antike und wir: Betrachtungen zum Tode des Meisters
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0375

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„unter Natur verstehen wir den Zusammenhang der Erscheinung ihrem
Dasein nach, nach notwendiger Angabe, d. h. nach Gesetzen". (Kant.)
Marees kennt zwei Betrachtungsweisen der Gegenstände unserer Umgebung:
nach ihrer Begrenzung, Form und nach ihrer Farbe.

Hildebrand nun beschränkt sich im wesentlichen auf die erste Be-
trachtuugsweise. Er hat von allem abstrahiert, was die Iahrhunderte vor ihm
erfüllte und ist, bei allem äußeren Gegensatz zwischen Klassizismus und
Impressionismus insofern — Liebermann geistesverwandt, als er wie
dieser mit vollkommener Sachlichkeit die Gesetze der Erscheinung studiert
und wiedergibt. Beide beobachten die Spannungs- und Bewegungsimpulse
des Körpers, beiden erscheinen die Dinge in ihrer Umgebung, von ihr
und vom Licht entscheidend beeinflußt. Wo dieser das der farbigen Dar-
stellung Gemäße sucht, forscht jener nach rein plastischen Objekten. Er wird
so, mit Fritz Stahl zu sprechen, zum Gewissen der Plastik. Er zagt,
was „möglich" ist, er wendet gegen das „Unmögliche" seine Schrift. Freilich
weiß er auch, daß ein echt plastischer Stil trotz aller Bemühungen so lange
nicht zu erhoffen ist, wie wir noch keine einheitliche Baukunst haben, und
daß diese wiederum nur als Ergebnis einer seelischen Einheit des Volks
kommen kann.

Das aber spricht er wenigstens nicht aus: daß es sich dabei nicht um
Aufstellung eines neuen Gesetzes, sondern um Ermög-
lichung eines neuen Erlebens handelt. Von den trinkenden
und schlafenden geht er zu den knienden und stehenden Menscheugestalten
über, und wo er Porträtkunst übt — er hat ja doch ein paar großen Zeit-
genossen Grabmäler, Büsten, Reliefs, Plaketten und Gemälde geschaffen,
da bleibt er ganz kühl und sachlich und beschränkt sich gewissermaßen
auf dis Struktur der Gesichter, die nichts erzählt vom Innenleben der
Dargestellten, nur von der Grundtendenz ihres Wesens, die als Heldentum
(Bismarck), Güte (Terrakottabüste der Frau F.), Demut, Reinheit, Hoheit
ganz leise und unaufdringlich in Erscheinung tritt. Leidenschaft schwingt
nirgends, gehalten ist alles, kühl, vornehm wie eine Periode von
Thomas Mann, dessen „Tod in Venedig" mit Hildebrands „Iüngling"
vielleicht auf eine Stufe des Erlebens und der Formerfassung zu stellen
ist. Temperamentlos darf man Hildebrand nicht nennen, noch weniger
geistlos. Er dachte eben in Formen, nicht in Geschehnissen, nicht in
Charakteren und Gefühlen. Er nahm als Erster wieder selbst den Meißel
in die Hand und lehrte eine ganze Generation die Plastik sehen und
gestalten, nach festen Normen, die er in seinem „Problem der Form
in der bildenden Kunst" auch für das Relief und die Medaille aufstellt.

Dieses Buch ist der Führer zahlreicher Theoretiker und bildender Künstler
geworden. Es handelt im wesentlichen von der Komposition, der Pro-
Portion und der Behandlung der Oberflächen. So spielt es schon jetzt
in der Bildhauerei eine ähnliche Rolle wie Gottscheds „Kritische Dicht-
kunst" in der Literatur des achtzehnten Iahrhunderts. Ausgangspunkt ist
für Hildebrand die Äberzeugung, daß das plastische Kunstwerk durch eineu
Zusammenklang von Formen wirkt, nicht aber durch den Gegenstand der
Darstellung und seine lebende Form. Die sieht der Künstler vor sich als
einen Zufall unter den möglichen Formen der Natur überhaupt. Das
oberste Gestaltungsgesetz der Plastik lautet für Hildebrand: „die plastische
Figur soll als ein Flaches wirken, obschon sie kubisch ist." Er
huldigt nämlich der Anschauung, daß die Plastik aus der Zeichnung

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