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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

DOI issue:
Heft 6 (Märzheft 1921)
DOI article:
Cauer, Paul: Apollinisch und Faustisch
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0377

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G!

Apollinisch und Faustisch ,

lückselrger Mann, der des Forschens Lnst
l Selbsttätig erfuhr.

Nichts zieht in das leidige Treiben des Staats
Ihn hinaus, nichts hin, wo das Unrecht wirkt;

Nein, sinnend betrachtet er ew'ger Natur
Nie alternden Bau,

Woher er entstand und wodurch und wie.

Einern solchen muß alles, was unrein heißt,

Fern bleiben im Tun wie iin Denken."

Gas sind Verse aus einer unbekannten Tragödie des Euripides, als Zitat
uns erhalten. Sind sie „apollinisch" gedacht oder „saustisch"? Die Be-
griffe hat neuere Geschichtsphilosophie — geprägt? Das trifft eigentlich nicht
zu. Denn gerade die Eigenschaft haben sie nicht — in der Oswald Spenzler
den Vorzug wie die Schranke der Erzeugnisse griechischen Geistes sieht —,
daß sie plastisch gerundet und deutlich ergreifbar uns vor Augen stehen.
Eher könnte man sagen, beide seien mit saustischem Weltgefühl in den
unendlichen Raum gezeichnet, mit einer Schattierung zwischen tzell und
Dunkel, aus der nur andeutungsweise Linien eines Nmrisses hervortreten.
Die Frage ist doch verständlich: paßt die Beschreibung des Forschers in den
Gegensatz hinein, den wir anerkennen sollen, zwischen der antiken Kultur
und einer ihr wesensfremden, auf deren absteigendem Zweig uns das Schicksal
den Platz angewiesen hat? Möchte mancher es der Mühe wert finden, dar-
über nachzudenken.

Der Verfasser des Buches über den „Untergang des Abendlandes"
ist, sicher ohne es zu wollen, ein Schüler des Thukydides. Der war auf den
Gedanken gekommen, Kulturen zu vergleichen, und so zu der Erkenntnis,
daß Entwicklungsstnfen, auf denen zu seiner Zeit wilde Völker standen,
denen entsprachen, die das griechische srüher durchgemacht hatte. Und
indem er die schweren Ereignisse, deren Zeuge er war, in ihrem Zusammen-
hange von Nrsachen und Wirkungen darstellte, hoffte er dafür zn sorgen,
daß man künftig ein Bevorstehendes nach der Analogie des schon Dage-
wesenen voraussehen könne. Der moderne Denker, mit der Gelehrsamkeit
von Iahrtausenden ausgerüstet, blickt weiter hinaus in räumliche und zeit-
liche Fernen. Agyptische und babylonische, ostasiatische und antike, arabische
und westeuropäische Lebensgestaltungen umspannt Spengler mit vergleichen-
der Betrachtung. Da ist es immer wieder dasselbe: eine jede Kultur,
wenn sie zur höchsten Höhe entwickelt ist, bekommt die Tendenz, ins
Außerliche umzuschlagen — und damit hat sie den Keim des Todes emp-
fangen. So sind wir jetzt, die Gesamtheit der Träger faustischen Geistes,
im Begriff, unser Schicksal zu vollenden. Mit voller Zuversicht wird
das vorausgesagt. Wissenschaft und Kunst, Poesie und Moral haben,
für den abendländischen Lebenskreis, ihre inneren Möglichkeiten er-
schöpft, unsere Kultur war schon seit Generationen zur Zivilisation entartet.
Es bleibt nichts übrig, als uns in das Unvermeidliche zu fügen, auf Technik
statt Lyrik, auf Komfort statt Religion, auf Zivilisation statt auf Kultur
unser Denken und Trachten einzustellen. Sinnlos wäre es nach Spengler,
gegen den Strom schwimmen zu wollen, der mit unwiderstehlicher Gewalt
uns dahinträgt, dem Ende zu. Das beweist ihm eben der Vorgang der
früheren Kulturen, gerade auch dieser, die in mehr als einer Beziehung

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