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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 6 (Märzheft 1921)
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Cauer, Paul: Apollinisch und Faustisch
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Gumppenberg, Hanns von: Erfahrungsbeweise der persönlichen Unsterblichkei[t]
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0379

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schreibi er den Unterschied nrit empfänglichem Sinn; tiefer wäre er ge--
drungen, wenn er auch in diesem Gegensatze das Gemeinsame, in den
Abständen die Stufen einer Entwicklung zu erkennen versucht hätte. Daß
das Vorbild griechischer Kunst und Poesie vielfach hemmend gewirkt, neue
Weiseu des Sehens und Darstellens niedergehalten hat, ist freilich wahr,-
aber daran sind nicht die Lehrmeister schuld, die zu persönlichem Ein-
greifen nicht mehr da waren, sondern die Sklavenseelen derer, die nicht
meinten lernen zu können, wenn sie nicht eine Autorität anzubeten hätten.
Mit Luther und Lessing, Shakespeare und Schiller, Kant und Nietzsche
haben sie es nicht anders gemacht als mit Homer und Aristoteles, mit
griechischer Plastik iund Architektur. Worauf es für allen Fortschritt,
im Forschen wie im Gestalten, ankommt, ist nicht, die Vorgänger beiseite
zu schieben und von vorn anzufangen, sondern so von jenen zu empfangen,
daß dadurch schlummernde Kräfte geweckt und zu selbständigem Schaffen
befruchtet werden.

Immer schwerer wird das, je mehr Erfahrungen gesammelt und als
Tradition aufbewahrt werden: gewiß. Aber da ist denn eben die Stelle,
wo mit befreiender Macht die Griechen eintreten, allen voran zwei: der,
den sie schlechthin „den Dichter" nannten, und der ernste Denker, der
ihn und seine Nachfolger in der Dichtkunst aus dem Staate der Zukunft
verbannt wissen wollte. Wer sich denen, die heute die Alten heißen,
gesellt, wird selbst wieder jung, wird mit ihnen ein frisch Suchender,
mit eignen Augen Findender, statt sich mit dem zu begnügen, was überall
schon fertig zur Hand liegt. Eins der unerfreulichsten Merkmale alternder
Kultu'' ist in der Sprache der unbedachte Gebrauch inhaltvoller Worte und
Wendungen. Auch Spengler weiß davon zu sagen; er erläutert die Er-
scheinung an Beispielen, trägt aber unwillkürlich eins und das andre
selber bei. Worte sind das von ursprünglicher Sinnlichkeit der Bedeutung,
die mit lebendiger Anschauung ins Geistige übertragen, hier aber ein
bequemes Hilssmittel sür jedermann wurden und so mehr und mehr
threm eigentlichen Sinn entfremdet. Nur ein Dichter, und wer vom
Dichter zu lernen weiß, erkennt die verblaßten Bilder und vermag die
Worte so zu fügen, daß die Farben wieder leuchten. Goethe hat diese
Kunst von Homer übernommen, bei dem sie vollends Natur war; wir wollen
uns freuen, daß wir beide haben — und nicht bloß um der Sprache willen —,
doch auch dem Rat unseres Meisters folgen, bei den Griechen in die Schule
zu gehen. Auf allen Gebieten des Denkens und Schaffens gilt das gleiche:
daß, wer dort heimisch wird, die Werdezeit des menschlichen Geistes, ihre
Mühen und ihre Lust, mit erlebt. Nnd noch kein Geschlecht hatte triftigeren
Grund, aus dem Iungbrunnen der Antike zu schöpfen und mit kräftigem
Trunke daraus das eigne Blut aufzufrischen, als das Zeitalter, dem
Spenglers geistvolles Buch den Spiegel vorhält.

Münster i. W. Paul Cauer

Erfahrungsbeweise der persönlichen Llnsterblichkei

^^er Weltkrieg hat die Teilnahme für Spiritismus und Okkultismus in
^H^allen Volksschichten neu hervortreten lassen, nachdem sie sich längere Zeit
auf kleine Privatzirkel zurückgezogen hatte. Die Trauer um den Ver-
lust des Gatten oder des Sohnes suchte nach sicherem Trost: da lag es nahe,
sich an die Behauptung der Spiritisten zu erinnern, daß unter den bekannten
mediumistischen Voraussetzungen ein Gedankenaustausch mit den Geistern
 
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