Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

DOI issue:
Heft 6 (Märzheft 1921)
DOI article:
Gumppenberg, Hanns von: Erfahrungsbeweise der persönlichen Unsterblichkei[t]
DOI article:
Schwab, F.: Operettenrutschbahn
DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0383

DWork-Logo
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
Weisheit, daß die äußere Erfahrung keine Feststellungen zuläßt, die über
den Bereich des Lebens und über die Grenzen des Bewußtseins hinaus-
greifen. Nur das völlig irrationale Gefühl kann die Kluft überspringen,
die das Diesseits vom Ienseits trennt. Und es wäre wohl inöglich, daß
die Witwe unseres Idealbeispiels durch eine solche Gefühlsgewißheit von
der Identität des Ilrhebers der Erscheinung mit ihrem Gatten überzeugt
würde, und das vielleicht auch dann, wenn das Ebenbild etwas mangelhafter
ausfiele und die okkultistischen Tüftler allerlei auszusetzen sänden. Aber
damit wäre man wieder glücklich beim Glauben angelangt. Iknd wem
Gefühlsgewißheiten genügen, der bedarf keiner Beweise und keiner Materiali-
sationssitzungen.

München Hanns von Gumppenberg

OperetLenrutschbahn

,^^^as alte Singspiel galt der Liebe: wie sie sich kriegen, durch List
^-^^und Gefahren, das war, mit komischen Diener- und Verwechslungs-
szenen verbrämt, sein Inhalt. Man wurde warm dabei, die „Dispo-
sition" zum Verliebtsein wuchs, man lachte sich aber auch immer wieder
frisch. Die spätere Wiener Zauberposse mit Gesang fügte dem je einen
Schuß von Märchenphantastik, Lokalkolorit und Bürgermoral bei und
steigerte die Schau-, Hör- und Räsonnierlust des Publikums. Die folgende
Wiener Operette zog, ganz dünn und oft kaum sichtbar zwischeu all
dem bunten, singenden Menschengetriebe, den Ehebruchstrich, wie das
Seil eines Tänzers auf dem Prater, auf dem ein Pärchen eine Weile
herumturnt, meist ohne Schaden an Leib und Seele zu nehmen. tzeiter-
keit herrscht und versöhnt mit dem bissel Leichtsinn: schlechte Meuschen
gibt's keine. Aber nun kam — Paris. Auch da ward gelacht und getändelt
und gewalzt, aber die Mädel waren Damen, die G'schpusis Grisettchen,
und es roch nicht nach Weanerwald und Frühlingsgärten an der angeblich
blauen Donau, sondern nach Patschuli und allenfalls Ambra. Da war
immer noch Rhythmus, aber man fühlte das schmeichelnde rote Licht
über schlaffe, schneeweiße tzaut streicheln, das rote Licht der schwülen Nacht-
lokale. Im Grunde gab der Montmartre die Lokalfarben her und die
Salons, gerade wie in den gelben Serienromanen. — tzitze und öde
wechselten, aber ein gewisses süß-peinliches Vibrieren blieb. Das war so
recht die Operette der europäischen Großstadt jener Zeit industriellen
Gründerwahns, adliger und literarischer Decadents und all der Atelier-,
Voulevard- und Palastromantik des zweiten Kaiserreichs. Operetten-Wien
war daneben eine Stadt der Vergangenheit mit den aussterbenden Typen
des Adels zahlreicher Völkerschaften und einem gutmütig-heiteren-oberfläch-
lichen Vürgertum. Dann kam Berlin. Es ist sicher kein Zufall, daß diese Stadt
die Führung in der Operette übernahm, als der fesche Wiener und der
süßlich-geschwollene Pariser Walzer im Sterben lagen und daß diese Stadt
jene Nußknackertänze im Zwei- und Viervierteltakt zur Berühmtheit brachte
(obwohl das Ausland sie erfunden hatte), die wie ein blödes Satyrspiel
die Eins-Zwei, Eins-Zwei-Mußkultur Friedrich Wilhelms I. vollends „er-
ledigten". Ietzt fand eine seelische Enthüllung statt, wie selten cine grauen-
hafter, gründlicher und wahrheitsfanatischer geschah: durch die Operette.
Das emporgemästete Berlin war die materialistischste und die innerlich
roheste Weltstadt. Ihre Neubevölkerung war ein kulturloses Gemisch

335
 
Annotationen