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Kunstwart und Kulturwart — 34,1.1920-1921

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Heft 6 (Märzheft 1921)
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Schwab, F.: Operettenrutschbahn
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https://doi.org/10.11588/diglit.14432#0385

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über die fünfzig gereiften Tugendjungfern, die jetzt doppelte Ausgcrben
hatten, weil das Kino für die Dinge Ersatz bieten mußte, die die sterilisierte
Reformoperette, die bisweilen auch Singspiel hieß, strengen Blicks ver--
bannte.

Indes: die Frende währte nicht lang, denn allznviel Schmalz bringt
Abelkeit. Man hals ja nach, wo man konnte, mit den heimischen Lüstern--
heiten verschwiegen-raffinierter Toilette, mit biedermännisch-ehrbar ge°
sungenen Dacapostrophen-Zötchen, mit Andeutungen von Seligkeiten, die
im grellen Rampenlicht der Berliner Operette ihre Wirkung eingebüßt
hatten, aber — Würze, Würze, Würze klang es, je näher das Lnde
des Weltkriegs kam. Die Revolution zerriß die Tugendmaske des histo-
risierenden Operettenpatriotismus und der Trio-Klingklang-Familiensim-
pelei, sie begünstigte zunächst wieder die ältere Operetten-Fleischbeschau
und dann in absteigender Linie eine neue Art Kleinkunst und den Tanz
(den Nackttanz nämlich, nackt unterstrichen), so daß ein neuer Ausweg
gefunden werden mußte, um dem Operettentheater „s e i n" Publikum wieder
zurückzugewinnen. Als Schüler war ich einmal in einem amerikanischen
Riesenzirkus. Da traten gleichzeitig ein Schwertfresser, eine Dame ohne
Unterleib, ein Elefantenführer, ein Niggersong-Quartett, ein weissagen?
der Papagei, ein Todesfahrer mit dem Fahrrad und eine dressierte Seehund-
kapelle auf. Gleichzeitig! Die Superposition der Schallwellen war nicht
minder toll wie das Farben- und Liniengewoge. Ahnlich macht's die neue
Operette. Sie bringt von allem etwas: Walzer, Foxtrott, Affentrott,
Holubjak und andere Nationaltänze; Gattinnen (a: treue, b: untreue),
Iungfrauen (a: wirkliche, b: nominelle), Männer jeder Art, dazu ab-
wechselnd Verhöhnung der Treue, der bäurischen Torheit, des Glau-
bens, der Arbeit, des Deutschtums, der Monarchie, der Revolution und
vollständige Verherrlichungen all dieser Gefühle, Eigenschaften, Be-
tätigungen, Zustände und Einrichtungen. Ein Gefühl verschweigen ist
nun lange nicht so schlimm, wie ein nicht vorhandenes vortäuschen, die
Wirkung einer solchen Verkündigung rasch wieder vernichten durch einen
Kopfsturz in gegensätzlichste Gesühle. Iüngst hörte ich ein hochpatriotisches
Lied niit Lob der Arbeit, der Einigkeit, des Deutschtums singen, das mit
einem „forschen" Aufruf zur Revanche endigte und, damit man den Ernst
des Autors ermessen konnte, einem Berliner Lebemann tagediebischster
und ausgelaugtester Art in den Mund gelegt war, der sonst nur von
Weibern, Sekt und Schieberei zu singen und zu sagen hat. Das Couplet
wurde denn auch stürmisch beklatscht von den zahlreich anwesenden Patrioten
des nämlichen Gewerbes.

Altwien war ehrlich, Paris war ehrlich, Berlin war ehrlich: sie alle
verherrlichten sich selbst in ihrer Operette, so wie sie waren. Aber die
neue „deutsche" Operette (sie soll ja auch aus Berlin kommen) ist grund-
verlogen. Sie predigt den Relativismus des ödesten Sichgehenlassens.
Sie hat nicht den Willen zum einen oder anderen, sondern spielt Fangball
mit allen Möglichkeiten. Sie nimmt weder den ehrlichen Arbeiter, noch
den Nachtwelttrottel ernst, sondern sie singt in jedem Couplet, ob es
national oder ehebrecherisch, bolschewistisch oder tugendboldisch anfängt:
„'s ist ja doch alles so egal." So beginnt tatsächlich die „Glanznummer"
des neuesten Operettenschlagers: denn, wie schon Wedekind gesagt hat:
„Das Leben ist eine Rutschbahn." Das nennt man Defaitismus. Die neue
Operette jedenfalls ist das Sprachrohr einer seelisch bankerotten Bevölke-

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