gen käme, denn den Lhristlichen unter
ihnen war es Seligkeit und den Un-
christlichen unter ihnen Nirwana--Ruhe.
Sie lebten unter dem Steinklopfer--
Hans-Gefühl: „dir kann nix geschehn."
Noch wach, waren sie reich an Unver-
lierbarem, das aus sich selber wuchs, sio
waren weise geworden, nicht stumpf. Im
besonderen: sie empfanden alljährlich
das Frühlingswnnder mit einer neuen
Innigkeit des Beglücktwerdens.
Solch ein Alter sah mich vorige
Nacht im Lraume an. Wir gingen
irgendwo durch den Lebenswald, und
der war schütter und dürr, und es
war kalt. Da sprach der Alte: „Siehst
du's? In dem Knospenwald ist Le-
benl" Noch sah ich nichts. Doch, dort,
ja: da ward eine Blattknospe leise,
ganz leise, stärker! Dort noch eine, nun
mehrere, nun viele! Da rauschte der
Föhn durch die Wipfel, und sie orgel-
ten auf. Und ganz plötzlich wußte ich:
das ist ja Deutschland, was hier im
Walde lebt. Und wie ein Nieseln ging
es dnrch mich hin: höre du, sieh du —
im Vaterlande treibt's in den Knospen.
Es treibt in unsern Knospen. Zwar
wird noch manchcs erfrieren, was da
treibt. Aber verlaßt ench darauf: kein
Frost mehr friert Deutschland tot und
kein Feind vernichtet es. Schließt nicht
von den Kranken auf die Gesunden, von
den Gestrigen auf die von morgen. Das
alte Deutschland ist tot für immer,
„laßt fahren dahin" — aber das neue
Deutschland, das noch in hunderttau-
send Knospen schläft, das treibt.
Wie ein Traum einen stärken kann!
Und ganz ohne Schwarmgeisterei, nur,
weil man sich sagt: die tiefsten nNd die
sichersten Erkenntnisse wachsen ans dem
Anbewußten. Ich weiß, es beurteilen
jetzt viele die Zeichen der Zeit wie ich.
Die tausend kleinen Zeichen, daß unser
Volk sich zu besinnen beginnt. Und das
heißt: zn genesen. A
Neue Krisen von autzen her
Bcrliner Brtcf
o oft diese Briefe einen Versuch
machen, sich der Analhse der inne-
ren Verhältnisse zuznwenden, werden
sie in dieser Absicht durch neue von
außen drohende Katastrophen wie durch
einen wild Hereinfegenden Sturm nnter-
brochen. Es ist nur die Bestätigung des
Satzes, von dem sie stets ausgegangen
sind: daß die äußere Politik wesentlich
bediugend ist für alle InnenpoWik
und alle inneren Zustände. Doppelt
und dreifach ist dies der Fall, nach-
dem wir einen Krieg von diesen un-
geheuren Ausmessungen und solch
gewaltigen Tiefenwirkungen verloren
haben. Alle unsere Zustände dürfen
überhaupt nur unter diesem Gesichts-
punkt gesehen werden. Was das be-
dentet, machen sich immer noch viel
zn wenig Lente im vollen Umfange
klar. Die einen meinen, daß nun der
ersehnten Parteipolitik die Bahn hem-
mungslos offen sei; die anderen hoffen
trotz aller drückenden Armutsfesseln nun
doch ihre ideellen Forderungen an den
neuen Volksstaat stellen nnd verwirk-
lichen zu können; die dritten rasseln
mit einem Säbel, den wir nicht mehr
haben, nnd hoffen auf Analogien mit
der preußischen Entwicklung nach Iena,
ohne übrigens auch nur den Reform-
willen zu haben, den damals die die
Erneuernng herbeiführenden Patrioten
hatten. Nur diejenigen sehen den wirk-
lichen Ernst der Lage, die mit einer
Weltrevolution die ganze Wurzel der
Verhältnisse ansreißen zu können mei-
nen; oder diejenigen, welche Innen-
und AußLNpolitik zugleich auf jede ab-
sehbare Zeit in eine neue Bahn der
Rechtspolitik und des demokratischen
Nationalgefühls leiten und eben damit
ein neues Ziel der dentschen Geschichte
in dem veränderten Europa und der
veränderten Welt aufstellen wollen;
oder auch die radikalen Pessimisten,
die nur den absoluten Vernichtungs-
willen der Franzosen als ernst zu
nehmende politische Kraft der heutigen
Weltlage, soweit sie uns betrifft, an-
sehen und dem je nach Charakter den
heroischen Entschluß eines letzten Wi-
derstandes oder die stumme Lrgebung
einer finsteren Verzweiflung entgegen-
setzen. Daß es dabei an Mischungen
all dieser Standpunkte nicht fehlt, ist
selbstverständlich. Das zwingt dann
aber zu immer neuen Klärungen und
Aberlegungen der Lage.
Die Früchte des undnrchführbaren
Versailler Friedens reifen, indem im-
mer neue Undurchführbarkeiten aus
ihm hervorgehen und die alten Grund-
lagen von den Gcgnern selbst zur Er-
3V
ihnen war es Seligkeit und den Un-
christlichen unter ihnen Nirwana--Ruhe.
Sie lebten unter dem Steinklopfer--
Hans-Gefühl: „dir kann nix geschehn."
Noch wach, waren sie reich an Unver-
lierbarem, das aus sich selber wuchs, sio
waren weise geworden, nicht stumpf. Im
besonderen: sie empfanden alljährlich
das Frühlingswnnder mit einer neuen
Innigkeit des Beglücktwerdens.
Solch ein Alter sah mich vorige
Nacht im Lraume an. Wir gingen
irgendwo durch den Lebenswald, und
der war schütter und dürr, und es
war kalt. Da sprach der Alte: „Siehst
du's? In dem Knospenwald ist Le-
benl" Noch sah ich nichts. Doch, dort,
ja: da ward eine Blattknospe leise,
ganz leise, stärker! Dort noch eine, nun
mehrere, nun viele! Da rauschte der
Föhn durch die Wipfel, und sie orgel-
ten auf. Und ganz plötzlich wußte ich:
das ist ja Deutschland, was hier im
Walde lebt. Und wie ein Nieseln ging
es dnrch mich hin: höre du, sieh du —
im Vaterlande treibt's in den Knospen.
Es treibt in unsern Knospen. Zwar
wird noch manchcs erfrieren, was da
treibt. Aber verlaßt ench darauf: kein
Frost mehr friert Deutschland tot und
kein Feind vernichtet es. Schließt nicht
von den Kranken auf die Gesunden, von
den Gestrigen auf die von morgen. Das
alte Deutschland ist tot für immer,
„laßt fahren dahin" — aber das neue
Deutschland, das noch in hunderttau-
send Knospen schläft, das treibt.
Wie ein Traum einen stärken kann!
Und ganz ohne Schwarmgeisterei, nur,
weil man sich sagt: die tiefsten nNd die
sichersten Erkenntnisse wachsen ans dem
Anbewußten. Ich weiß, es beurteilen
jetzt viele die Zeichen der Zeit wie ich.
Die tausend kleinen Zeichen, daß unser
Volk sich zu besinnen beginnt. Und das
heißt: zn genesen. A
Neue Krisen von autzen her
Bcrliner Brtcf
o oft diese Briefe einen Versuch
machen, sich der Analhse der inne-
ren Verhältnisse zuznwenden, werden
sie in dieser Absicht durch neue von
außen drohende Katastrophen wie durch
einen wild Hereinfegenden Sturm nnter-
brochen. Es ist nur die Bestätigung des
Satzes, von dem sie stets ausgegangen
sind: daß die äußere Politik wesentlich
bediugend ist für alle InnenpoWik
und alle inneren Zustände. Doppelt
und dreifach ist dies der Fall, nach-
dem wir einen Krieg von diesen un-
geheuren Ausmessungen und solch
gewaltigen Tiefenwirkungen verloren
haben. Alle unsere Zustände dürfen
überhaupt nur unter diesem Gesichts-
punkt gesehen werden. Was das be-
dentet, machen sich immer noch viel
zn wenig Lente im vollen Umfange
klar. Die einen meinen, daß nun der
ersehnten Parteipolitik die Bahn hem-
mungslos offen sei; die anderen hoffen
trotz aller drückenden Armutsfesseln nun
doch ihre ideellen Forderungen an den
neuen Volksstaat stellen nnd verwirk-
lichen zu können; die dritten rasseln
mit einem Säbel, den wir nicht mehr
haben, nnd hoffen auf Analogien mit
der preußischen Entwicklung nach Iena,
ohne übrigens auch nur den Reform-
willen zu haben, den damals die die
Erneuernng herbeiführenden Patrioten
hatten. Nur diejenigen sehen den wirk-
lichen Ernst der Lage, die mit einer
Weltrevolution die ganze Wurzel der
Verhältnisse ansreißen zu können mei-
nen; oder diejenigen, welche Innen-
und AußLNpolitik zugleich auf jede ab-
sehbare Zeit in eine neue Bahn der
Rechtspolitik und des demokratischen
Nationalgefühls leiten und eben damit
ein neues Ziel der dentschen Geschichte
in dem veränderten Europa und der
veränderten Welt aufstellen wollen;
oder auch die radikalen Pessimisten,
die nur den absoluten Vernichtungs-
willen der Franzosen als ernst zu
nehmende politische Kraft der heutigen
Weltlage, soweit sie uns betrifft, an-
sehen und dem je nach Charakter den
heroischen Entschluß eines letzten Wi-
derstandes oder die stumme Lrgebung
einer finsteren Verzweiflung entgegen-
setzen. Daß es dabei an Mischungen
all dieser Standpunkte nicht fehlt, ist
selbstverständlich. Das zwingt dann
aber zu immer neuen Klärungen und
Aberlegungen der Lage.
Die Früchte des undnrchführbaren
Versailler Friedens reifen, indem im-
mer neue Undurchführbarkeiten aus
ihm hervorgehen und die alten Grund-
lagen von den Gcgnern selbst zur Er-
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