Kunstwart und Kulturwart — 34,2.1921

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Die Naturballaden Goethes

^-^nter den Gedichten Goethes bilden die beiden im ersten Weimarer
I I Iahrzehnt entstandenen Balladen „Der Fischer" und „Erlkönig" eine
^^eigentümliche Gruppe, die man unter den Begriff „Natnrballaden"
bringen kann. Ihr hoher Poesiewert scheint uns noch nicht genügend
erkannt. Von fchiefen Gesichtspunkten aus findet die Kritik in ihnen zum
Teil Mängel, wo unferes Erachtens gerade Vorzüge liegen; der Genuß der
Balladen wird durch Einsprüche des Verstandes gsstört, die bei richtiger
Einstellung auf die Gedichte fich von selbst erledigen; in andern Lrklärungen
wieder zerbröckeln die Gedichte in lauter Einzelheiten, statt daß der Gefühls-
kern erfaßt und aus ihm alles herausentwickelt wurde; dabei bleibt ins-
befondere ihr Hauptvorzug, ihre ungewöhnliche seelische Ausdruckskraft un-
gesehen. Es dürfte daher der folgende Versuch, die üeiden Bal-
laden dem Verständnis und dem Genuß zu erfchließen und
fie nach allen Richtungen hin poetisch zu würdigen, nicht
überflüssig sein.

Unr zunächst die richtigen Gesichtspunkte zu gewinnen, gehen wir von
der Wirkung auf den empfänglichen Hörer aus: Der Hörer kommt in
eine lyrische, träumerische Stimmung. Dabei hat er (trotz allem Wunder-
baren) das Gefühl, etwas Zwingendes, Naturnotwendiges zu erleben und
nicht etwa einem müßigen Spiel der Phantafie zuzusehen. Nnd während
die Gestalten der Schillerschen und Nhlandschen Balladen in bleibenden
Amrifsen wie lebende Statuen vor unsern Augen stehen und nach bekannten
festgelegten Motiven handeln, haben die Hauptgestalten der Goetheschen
Naturballaden etwas Schwankendes, Veränderliches, Nnfaßbares wie die
Welle, wie Nebel und Wolken oder wie Traumgestalten. — Das Nach-
fühlen der Dichtungen führt uns fo zu den entscheidenden Gesichtspunkten:
Obgleich die beiden Balladen erzählende Gedichte sind, haben sie doch
subjektiven, lyrischen Charakter und die beiden aktiven Haupt-
personen (der Erlkönig und das Wasserweib) sind vom Dichter nicht in
gleicher Weife als Wirklichkeit gedacht, wie etwa das Kind, der Vater
und der Fifcher, sondern sie find Traumgestalten, Träume im Traum: Der
Dichter träumt sich selbst in die Rolle des Kindes und
des Fifchers hinein, denen er mehr oder weniger seine eigene Seele
leiht; diefe Poesiegestalten haben ihrerseits wieder
Träume, oder besser gesagt, Visionen, nämlich den Erlkönig nebst
Töchtern und das Wafserweib. Diese Auffassung wird durch zwei Auße-
rungeu Goethes unterstützt:

Als Goeths im Iahre (7<)7 fich wieder mit der Balladendichtung be-
fchäftigte, schrieb er an Schiller, das Balladenstudium habe ihn wieder
auf den „Dunst- und Nebelweg" des Faust gebracht, womit einmal die
— übrigens auch deutlich fühlbare — nahe innere Verwandtschaft der
Balladen mit dem Faustgedicht, weiterhin aber auch ihr Ursprung aus
dämmerigen Gemütszuständen, also das Traumhafte oder Visionäre vonr
Dichter angedeutet wird. — Die (. Strophe der Zueignung zum „Faust",
die den inneren Vorgang der dichterischen Festlegung solcher Traum-
gestalten ungemein anschaulich Wiedergibt, sei hier hergesetzt:

„Ihr naht euch wieder, fchwankende Gestalten,

Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.

Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
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