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Kunstwart und Kulturwart — 37,1.1923-1924

DOI issue:
Heft 1 (Oktoberheft 1923)
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Düsel, Friedrich: Ferdinand Avenarius: ein Gedenkwort
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https://doi.org/10.11588/diglit.14439#0013

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Ferdinand Avenarius

Ein Gedenkwort

ch sah dich heut im Traume, wie du bautest:

^ H An deinem Hause mühsam bautest du,

Und freundlich hob sich's auch in Bögen auf.
Doch wunderlich: in keine Wölbung senktest
Den Schlußstein du. Wir riefen dir's. Doch du,
Vernahmst du's nicht? Du reihtest — deine Züge,
Sie waren schon so müd — und reihtest weiter
Bogen an Bogen, und den letzten Stein
Fügtest du nirgends. Angstvoll sahen wir's.

Da brachen die Gerüste, und die Bögen,

Sie stürzten und begruben dich im Fall.

Lin Weinen ging durch meinen Traum. Voll Wehs
Traten wir hin und suchten dich. Und suchten
Umsonst. . .

Was kann man zum Gedächtnis eines teuren Toten Besseres tun als
sinnend die Pfade gehen, die er selbst gegangen, als sich, ihm hingegeben,
in die Stimmen und Bilder vertiesen, die ihn selbst bewegt haben? So
bin ich dieser Tage, Ferdinand Avenarius, durch deine älteren und jüngeren
Gedichte gegangen, und da ist mir der Nachruf begegnet, den du auf dsn
„Menschen und Denker" R. A., ich glaube, deinen älteren Bruder, den
Züricher Philosophen, gedichtet hast. Und wie ich las, bekamen die Verse
ein seltsames, sinnvolles Leben für mich. Ich hörte deine Stimme aus
ihnen und sah dein Auge sich aufschlagen, ja mehr noch, ich glaubte
deinen Herzschlag zu fühlen, wis es nur da geschieht, wo der Dichter den
Worten etwas vom Glück und Weh seines eignen vorausgeahnten Schick-
sals eingeflößt hat. Und wie von selbst formte sich mir dein Bild in
seinen innersten und wesentlichsten Zügen: ein mühsamer, ein unermüd-
licher Baumeister, der nicht fertig wird, nicht sertig werden will, weil
er, ähnlich wie dein brüderlicher Erfahrungsphilosoph, das Werdende und
Wachsende, das Neuerleben und Neuerwerben zu sehr liebt, der wohl
türmt und wölbt, aber nicht schließen und siegeln mag. Immer wieder
erfuhr ich's, wenn wir uns begegneten: es war der alte zähwurzelnde
Stamm, aber die neuen Zweige, die er trieb, machten ihn selber neu
und jung, und immer schien's, als sollte seine wahre und rechte Blüte
sich nun erst öffnen — „geprägte Form, die lebend sich entwickelt".

So war's, als nach langen Iahren kritischer und kunsterzieherischer
Tätigkeit in deinem siebenten Iahrzehnt die schöpferische Dichtung wieder
bei dir anklopfte und du männlich-kindlich in stolzer Verschämtheit meintest,
jetzt erst werde sich die letzte Kammer deiner Berufung auftun; so war's,
wenn du dich anschicktest, für eine neue Anthologie die Blumen zu erlesen
und den Kranz zu winden, und glaubtest, nun erst aus den süßesten Kern
eines Dichters gestoßen, nun erst zur reinsten und tiefsten Harmonie
einer Gedichtkette vorgedrungen zu sein; so war's, wenn du in den Kunst-
sammlungen von München oder Berlin den Gemälden und Handzeich-
nungen deiner Lieblingsmeister nachspürtest und sie erlebtest und er-
liebtest, als HLttest du sie eben erst entdeckH so war's, als du in einem
Alter und zu einer Zeit, wo andre, Iüngere nichts so sehr scheuten, wie

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