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Kunstwart und Kulturwart — 37,1.1923-1924

DOI issue:
Heft 5 (Februarheft 1924)
DOI article:
Geramb, Viktor von: Deutsches Bauerntum
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https://doi.org/10.11588/diglit.14439#0166

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Dagegen zwischen den einzelnen Gauen und zwischen den geschlossenen
Siedlungsgebieten als solchen große Mannigfaltigkeit bestehen kann. Mit
anderen Worten: „Das Gesamtbauerntnm besitzt Individualität, des ein°
zelnen Bauern psychologische Eigenart ist Unpersönlichkeit (l'Houet).

Eine weitere hervorstechende Eigenschaft des Bauerntums von guter Art
ist die „Naivität", das heißt die Äbereinstimmung von Denken und Reden.
Kein Vorspiegeln von Gefühlen, die nicht da sind, keine Höflichkeitsredens-
arten. keine schemenhaften Plauderphrasen nnr um des Gespräches willen.
Mein Vater war Bezirkshauptmann in einem obersteirischen Bauernbezirk.
Der Herr „Hauptmann" galt damals noch als die angesehenste Persönlich--
keit. Wenn wir aber einen alten Bergbauern besuchten, so kam es nie
vor, daß dieser sich um des „hohen Besuches" willen auch nur eine Minute
in seiner Arbeit hätte stören lassen: „Tua der Herr Hauptmann nur a weni
i d'Stubn einisitzn, i han hiaz nit daweil ..." — und ließ ihn ruhig eine
Stundc sitzen, bis er mit dem Heueinführen fertig war. Beim entarteten
Banern, auch wenn die Entartung erst im Beginn ist, verhält sich das
gan; anders. Ein Schwall von Höflichkeitsworten würde da dem „Herrn
Hauptmann" entgegenstürzen . . . Oder man denke an die gänzlich inhalts-
losen Besuchs- oder Ballgespräche. So etwas kennt der Bauer alter Art
nicht. Nur wenn das Herz voll ist, geht ihm der Mund über, dann freilich
ausgiebig: von einer Krankheit, von einem in der Ferne weilenden Sohn,
von einem Prozesse, von einem Handel kann er bis zur vollen Ermüdung
des Zuhörenden erzählen. Fehlt solch ein Stoff, dann bleibt der Bauer
nnerbittlich stumm, stundenlang stumm. Damit hängt größtenteils die
„Wortkargheit" zusammen, die man dem Bauern nachredet. Ich suchte
einst ein Bergbauernhaus auf, um ein altes Wandbild aufzuzeichnen.
Ich wollte den Bauer um Erlaubnis hierfür bitten, traf aber nur die
Bäuerin im Haus. Es entstand folgendes Gespräch: „Ist der Bauer
daheim?" — „Naa." — „Kommt er bald heim?" — „Naa!" — „Wann
kommt er denn heim?" — (Mit bitterem LLcheln): „Der kimbt gor neama
hoam." — „Ia, warum denn nicht?" — „Der is scho sieben Iahr tot." —
Man lacht zu solchen Dingen und spottet über die Denksaulheit des Bauern.
Das ists aber gar nicht; es handelt sich einfach darum, daß der seelische
Drang, über die Sache zu sprechen, nicht da ist. Da spricht man dann
eben nicht.

Anderseits, wo irgendeine Vorstellung da ist, spricht man ohne Nm-
schweife davon. Hieher gehört die vielfach, ja meist ganz mißverstandene
Offenheit in erotischen Dingen. Man legt das dem Bauern als Roheit
und tierische Derbheit aus. Man frage sich einmal ehrlich, wie man selbst
etwa bestünde, wenn man alle Gedanken, die auf dieses Gebiet fallen, ehrlich
aussprechen würde . . . Beim Volksliedsammeln begegnete es uns gar nicht
selten, daß ein alter Vater mit seinen noch die Schule besuchenden Kindern
mit einer Treuherzigkeit und Selbstverständlichkeit Lieder vorsang, bei denen
jedes städtische Fräulein Krämpfe kriegen würde. Die große Frage nach der
Art der „sexuellenAufklärung" ist im Bauerntum auf das natürlichste gelöst.
Man läßt eben schon sechsjährige Kinder mitgehen, wenn die Geiß zum Bock,
die Kuh zum Stier geführt wird, und das Kind lernt diese Dinge ebenso
unbesangen und ebenso ohne schlechte und heimliche Gedanken kennen,
wie eben alle anderen natürlichen Vorgänge . . .

Ini übrigen gibts beim Bauerntum alter Art kein Äbermaß. Vielmehr
hsrrscht durchaus Ruhe und Maß (im Sinn des mittelhochdeutschen mäze!)...
 
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