Turnierplatz. Pöppelmann schuf einen prächtigen Bau, der kunstmächtig
die eigentlich nüchterne Idee weit übersteigt. Der Formwille des Archi--
tekten wurde durch die Idee, durch die Aufgabe iu unsrhörter Weise ge-
spannt. Wieviel schlaflose, wievic! glücklich schlaflose NLchte mag er durch-
wacht und durchdacht haben, im Banne der Gesichte, die ihm sein Form-
wille erzeugte! Und dann: wieviel rastlose, herzzerreibende Tage und wieder
Nächte am Zeichentisch, daß nun Gestalt werde, was ihm seine willen-
gehetzte Phantasie vorgemalt hat. Wieviel tzemmungen gab's zu über-
winden, tzindernisse beiseite zu räumen, daß nun wirklich der Wille zum
Rechte, d. h. zur Form kam!
Aber wie stark auch mag die Spannung gewesen sein, daß sie die tausend
Hemmungsn und Hindernisse überwand!
Woher kommt die Spannung? Ist sie vom tzimmel dem Künstler zuge-
flogen? Die Kraft? Hat er sie sich der Erde entrissen?
Genau besehen ist der Künstler, und im besonderen der Baukünstler nur
ein Mittel, ein Medium, durch das die Zeit sich selbst zum Ausdruck bringt.
Wir sprechen beim Anblick des Zwingerbaus von Barockstil, beim Straß-
burger Münster von der Gotik. Diese Bauwerke sind Ausdrucksformen
ihrer Zeiten, genauer ihrer Kulturen. Nnd die Architekten, die diesen Kultur-
ausdruck fertigbringen, sind Sammler, Akkumulatoren jener Kräfte, die
in einem Volke an einem bestimmten Platze in der Welt zu einsr bestimmten
Zeit lebendig sind und nach Veräußerlichung und Versinnlichung schreien.
Aber nur die Kunst hat die Mittel zu ihrer Versinnlichung — sie ist, wie
Goethe sagt, die Vermittlerin des Nnaussprechlichen. Einen Turnierplatz
bauen! das konnte als Aufgabe leicht „ausgesprochen" werden. Aber das
vollendete Zwinger-Werk reifte das Nnaussprechliche, und das war
Kunst. Der Bauplan vom Straßburger Münster ist Schema. Aber Erwin
von Steinbach, ein Sammler von ungeheurer Fassung, der das Nnaussprech-
liche des ganzen früheren Mittelalters in sich aufnehmen konnte, vermochte
dieses Nnaussprechliche in überirdischen Räumen und Maßen wiederzu-
geben.
Wenn wir die Bauwerke als Kunstwerke verstehen wollen, müssen wir
eine ganz andere Stellung zur Kunst überhaupt einnehmen, als wie wir
meistens gewohnt sind. Wir dürfen in der Kunst nicht so etwas suchen,
das uns gerade einmal Vergnügen bereitet, oder auch eine innere persön-
liche Freude macht — das wäre viel zu bescheiden — nein! wir müssen
die Kunst des Bauwerkes als eine, als die größte und erhabenste Stimme
der Kultur ansehen, die je zum Menschen sprechen kann. So werden in der
Baukunst für den, der Augen hat zu sehen, Gesichte aus längst vergessenen
Zeiten, aus nie gekannten Ländern, von Menschen, deren Sinnen und
Wollen ganz anders war, als unseres ist, lebendig und er empfängt tiefere
Einblicke in den Haushalt der Menschheit, als wenn er dickleibige Folianten
wälzte und fremde Sprachen und Zeichen entzifferte.
Das ist der Zweck der Baukunst: das Nnaussprechliche einer Kultur uns
zu vermitteln. Mit dieser Absicht haben wir den Werken der Baukunst nahs
zu treten — und überhaupt aller großen Kunst. Ist der Münster von Straß-
burg „schön" ? — Ist Grinwalts Kreuzigung „schön" ?
Nein, die Aufgabe für uns, die wir die Baukunst verstehen wollen,
heißt, sie als Deuterin des Formwillens ihrer Kulturen kennen zu lernen.
Wie kann das geschehen?
5H
die eigentlich nüchterne Idee weit übersteigt. Der Formwille des Archi--
tekten wurde durch die Idee, durch die Aufgabe iu unsrhörter Weise ge-
spannt. Wieviel schlaflose, wievic! glücklich schlaflose NLchte mag er durch-
wacht und durchdacht haben, im Banne der Gesichte, die ihm sein Form-
wille erzeugte! Und dann: wieviel rastlose, herzzerreibende Tage und wieder
Nächte am Zeichentisch, daß nun Gestalt werde, was ihm seine willen-
gehetzte Phantasie vorgemalt hat. Wieviel tzemmungen gab's zu über-
winden, tzindernisse beiseite zu räumen, daß nun wirklich der Wille zum
Rechte, d. h. zur Form kam!
Aber wie stark auch mag die Spannung gewesen sein, daß sie die tausend
Hemmungsn und Hindernisse überwand!
Woher kommt die Spannung? Ist sie vom tzimmel dem Künstler zuge-
flogen? Die Kraft? Hat er sie sich der Erde entrissen?
Genau besehen ist der Künstler, und im besonderen der Baukünstler nur
ein Mittel, ein Medium, durch das die Zeit sich selbst zum Ausdruck bringt.
Wir sprechen beim Anblick des Zwingerbaus von Barockstil, beim Straß-
burger Münster von der Gotik. Diese Bauwerke sind Ausdrucksformen
ihrer Zeiten, genauer ihrer Kulturen. Nnd die Architekten, die diesen Kultur-
ausdruck fertigbringen, sind Sammler, Akkumulatoren jener Kräfte, die
in einem Volke an einem bestimmten Platze in der Welt zu einsr bestimmten
Zeit lebendig sind und nach Veräußerlichung und Versinnlichung schreien.
Aber nur die Kunst hat die Mittel zu ihrer Versinnlichung — sie ist, wie
Goethe sagt, die Vermittlerin des Nnaussprechlichen. Einen Turnierplatz
bauen! das konnte als Aufgabe leicht „ausgesprochen" werden. Aber das
vollendete Zwinger-Werk reifte das Nnaussprechliche, und das war
Kunst. Der Bauplan vom Straßburger Münster ist Schema. Aber Erwin
von Steinbach, ein Sammler von ungeheurer Fassung, der das Nnaussprech-
liche des ganzen früheren Mittelalters in sich aufnehmen konnte, vermochte
dieses Nnaussprechliche in überirdischen Räumen und Maßen wiederzu-
geben.
Wenn wir die Bauwerke als Kunstwerke verstehen wollen, müssen wir
eine ganz andere Stellung zur Kunst überhaupt einnehmen, als wie wir
meistens gewohnt sind. Wir dürfen in der Kunst nicht so etwas suchen,
das uns gerade einmal Vergnügen bereitet, oder auch eine innere persön-
liche Freude macht — das wäre viel zu bescheiden — nein! wir müssen
die Kunst des Bauwerkes als eine, als die größte und erhabenste Stimme
der Kultur ansehen, die je zum Menschen sprechen kann. So werden in der
Baukunst für den, der Augen hat zu sehen, Gesichte aus längst vergessenen
Zeiten, aus nie gekannten Ländern, von Menschen, deren Sinnen und
Wollen ganz anders war, als unseres ist, lebendig und er empfängt tiefere
Einblicke in den Haushalt der Menschheit, als wenn er dickleibige Folianten
wälzte und fremde Sprachen und Zeichen entzifferte.
Das ist der Zweck der Baukunst: das Nnaussprechliche einer Kultur uns
zu vermitteln. Mit dieser Absicht haben wir den Werken der Baukunst nahs
zu treten — und überhaupt aller großen Kunst. Ist der Münster von Straß-
burg „schön" ? — Ist Grinwalts Kreuzigung „schön" ?
Nein, die Aufgabe für uns, die wir die Baukunst verstehen wollen,
heißt, sie als Deuterin des Formwillens ihrer Kulturen kennen zu lernen.
Wie kann das geschehen?
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