Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Kunstwart und Kulturwart — 37,2.1924

DOI issue:
Heft 10 (Juliheft 1924)
DOI article:
Better, Adolf: Richard Schaukal: zu seinem fünfzigsten Geburtstag
DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.14440#0170

DWork-Logo
Overview
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
Entsagung, FreuLe — alles ist er in vollendeter lyrischer Form auszu-
sprechen fähig, oder, genauer gesagt: er vollzieht die künstlerische Tat durch
die Vollendung der Form, befreit sich durch sie vom Drang des Erlebnisses
und überwältigt damit — uns . . . Ich werde noch mehr von der befreien-
den Wirkung zu sagen haben, die die Vollendung der künstlerischen Form,
ja der Form überhaupt, durch den Dichter Schaukal auf den unter seiner
Zeit leidenden Menschen Schaukal ausübt.

Scheinbar abseits von seinem Dichterschaffen, worin trotz der oft wahr-
nehmbaren Höchsten Spannung die einander die Wage haltenden Kräfte
in sich beruhn, scheinbar abseits davon liegt sein Wirken als Zeitkritiker,
als Essayist. Es gibt viele Lieder von ihm, die, wie ein Volkslied, schon
ganz losgelöst sind von ihm, die einfach da sind, in sich beschlossen, ohne
Gsgensätzlichkeit und Absicht, bereit sich zu geben, wen es sie zu genießen
freut, wie ein Kind. Aber in seinen Zeit-Schristen, d. i. seinen Schriften
zur und gegen die Zeit, zeigt sich der gesteigerte Mensch, als
welcher mir Schaukal erscheint, in unablässigem Angriff und in unab-
lässiger Abwehr gegenüber dem Feinde: Leben. Er liegt mit nahezu allen
starken Kräften unseres tzeute und Morgen in Fehde, hat sich an, wie er
sie nennt, „den fOO Gemsenfelsen des tagtäglichen Lebens" wundgestoßen
und atmet nur widerwillig die „Stickluft unserer Zeit", für deren üble
Beschaffenheit er die Zeitgenossen verantwortlich macht. So sagt er einmal
(„Zettelkasten", S. lM) folgendes:

„Die Äiederträchtigkeit der Mitmenschen — ihre Ieweiligkeit, Außer-
lichkeit, Feigheit, Heimlichkeit, Windigkeit, Zudringlichkeit, Schamlosigkeit,
Aufgeblasenheit, Anaufrichtigkeit, Kleinlichkeit, Mißgünstigkeit, Hinterhäl-
tigkeit, Schadenfroheit, Erfolganbeterei, Gelegenheiterei, Protzerei, Nör-
gelei, Stichelei, Krämerei, Neiderei, Klatscherei, Tratscherei, Quatscherei,
Frömmelei, Heuchelei, Leisetreterei, Schwindelei, Argwöhnerei, Stänkerei,
Streberei, Schmeichelei — ist die Luft, in der alles Edle, Freie, Hohe, Große,
Starke. Tiefe, Andächtige, Gläubige, Stolze, Echte, Unbefangene, Demütige,
Ehrfürchtige, Kluge, Innige, Treue, Stetige, Sichere, Stille, Feine, Vor-
nehme, Freigebige, Gütige, Dankbare zu atmen verurteilt ist: was für ein
Beweis für seine herrliche Unverwüstlichkeit, seine gottbegnadete Wider-
standsfähigkeit, aber welche Aufgabe auch für seine Widerstandswilligkeit!«

Aus diesen Worten erkennt man, wie sehr er an der Zeit leidet, erfreu-
licherweise aber auch, daß er nicht verzagt. Er leidet an der uns allen
bekannten und nur von ganz wenigen nicht auch auf ihre Art erlittenen
Tatsache, daß unsere Zeit eine Zeit des Äbergangs ist, des Untergangs einer
alten Kultur, die zunächst noch keine oder mindestens noch keine deutliche
neue Kultur, fondern bloß Zivilisation hervorbringt, wobei wir unter Kultur
die organisch gewachsene, in Geschlechterfolgen bewährte Lebensform mit
allen ihren seelischen Bindungen verstehn. Er kritisiert mit äußerster Schärfe,
die manchmal an Marx erinnert, unsere heutige Wirtschaft, jene Wirtschaft
nämlich, die „anstelle des Nützlichen das Nutzbare" setzt, anstelle von Kultur
den „Fortschritt". Iene alte Kultur wäre ihm die reine Lebensluft, er liebt
sie (nicht nur, weil er selbst in einer solchen aufzuwachsen das Glück hatte),
ihrethalben bedauert er den Zusammenbruch des alten Staates, ihre Reste
will er geschützt wissen. Er mißtraut dem Neuen und glaubt nicht, daß dem
Reformwillen unserer Zeit das Mitleid mit den nicht durch ihre
Schuld, sondern durch Schicksalsfügung kulturlos Gewordenen zu-
grunde liegt.
 
Annotationen