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Kunstwart und Kulturwart — 37,2.1924

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Heft 10 (Juliheft 1924)
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Vom Heute fürs Morgen
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https://doi.org/10.11588/diglit.14440#0182

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zusanrmen, das einer Stufe allgemei-
nen Weltgefühls entspricht. Sophokles:
Der Mensch ist ein Körnlein in der
Mühle des Schicksals. Shakespeare: er
muß mitagieren in einem rätselhasten
Irrspiel. Schiller: seine Taten meißeln
sein Geschick.

Wer gestaltete unser Ethos? Die
Aürnberger hängen keinen, sie HLtten
ihn denn.

Ecce homo!

Zunächst sehe ich rundherum: Hübsche
Impressionismen, „aufgesteilte" Privat-
nihstik, intellektnelle Trapezkünste und
Pielzuvieles. Wo lwürde die Nicht-
existenz eines Stückes uns ein tiefstes
Gemeinerleben vermissen lassen?

Ich rnfe nicht nach dem „Messias
der Bühne". (Gnad ihm Gott, er müßte
doch lebendig verhungern.)

Ich möchte lieber den Wahn un°
serer „hohen Theaterknltur" etwas er-
schüttern. Die Zahl der Häuser und
Vorstellungen ist nicht Symptom.
(Kulturanalyse ist schwer. Man dars
nämlich nicht bloß das einfach Vorhan-
dene registrieren, sondern muß das Bild
aus dem gewinnen, was neu geschaffen
wird, und aus solchen Einzelzügen, in
dsnen ein Abernommenes notwendig
abgeändert wurde.)

Unsere Theater pflegen die „Kunst",
nicht das Gemeinerleben. (Abrigens
auch in Bezug auf Regie.)

Der ästhetische Gesichtswinkel hat uns
die Welt zerspalten. Hie Alltag — da
„Kunst", das „Große", die ... tzinter-
welt.

Ehe wir nicht das „Erleben des
Großen" in unseren natürlichen Tag
nnt all seinen Handgrisfen und ar-
men Worten mit hinübernehmen (das
versteht man unter Ethos-haben), eher
wird aus unserem natürlichen Tag auch
nichts Großes wieder organisch auf>-
wachsen.

Ekstase ist kein Gemeinerleben!

Ecce Homoü Martin Elsner

Neue Andachtslieder!

Ein Aufruf

^2! chulandachten! Können sie mehr be-
>^deuten als Plage, Langeweile?
Sind es Zöpfe, die man schneidcn muß?

Fch behaupte: sie haben Berechtigung.
Gemeinschaft reißt empor zu kühnerem
Flug. Gefühl des Verbundenseins in
Andacht hebt zu Höhen, von denen der
Blick hinsieht ins Ewige. Doch in jeder
Zeit anders flutet Religion, Ahnen des
Zusammenhangs, Glaube an einen
Sinn. Neuer Geist ist in unseren Schu-
len am Werk. Man bricht durch die
Schranken der Dogmen, der Bekennt-
nisse, vertraut sich dem ringenden Le-
ben, wühlt sich in den Urgrund mit
eignem Gerät. Die Einen freilich blei-
ben beim Alten, bei der Sonntagsepistel
der Kirche. Mögen sic. Sie holen die
bewährten Wanderstecken aus der Ecke,
fertig gcschnitten, poliert von tausend
HLnden, sie ritzen sich nicht. Aber die
Anderen verschmähen Krücken, sie wol-
len frei gehen. Sie wollen sprechen
ohne Medium, was sie auf dem Herzen
haben, was sie fühlen, was die Stunde
verlangt. Weltliche Themen! And von
jedem Punkt der Welt kann man
Schächte bohren in die Tiefe, kann man
über sich schauen in die Sterne. Mehr
und mehr wirft die Schulandacht die
Fesseln ab. Und sie gewinnt dabei.
Sie wird ehrlicher, wahrer; durch die
Worte leuchten ungebrochen die Aber-
zeugungen.

Zur Schulandacht gehört Gemein-
schaftsgesang. Orgelmusik weiht das
Herz, öffnet die Lore, Gesang macht
aus Hörern Handelnde, reißt in die Tat.
Aber wo ist das Lied, das zur freien
Andacht gehört? In den Liederbüchern
stehen Kirchenchoräle. Liebe alte
Freunde darunter. Aber auch sie reden
die Sprache vergangener Iahrhunderte;
da weht Luft, die wir nicht mehr atmen
können. Wir brauchen moderne An-
dachtslieder! Lieder, in denen wir
reden, Texte, die geboren sind ausun-
seren Gedanken, genährt mit allem,
was wir in unser heutiges Denken
und Fühlen aufgenommen haben. Wir
müssen wir selbst sein, auch darin.

Ihr, für die das Wort voll Blut
und Leben ist, die ihr glüht in schaffen-
der Kraft, die ihr mitfühlt, was im Her-
zen der Iugend erzittert, Dichter und
Musiker, kommt und helft! Schafft der
Iugend unserer Zeit ihr Andachtslied.
Wenn es brauchbar wird, wenn es
hunderttausend Kinderherzen klingen
läßt, wenn es aus der verglimmenden
 
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