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Kunstwart und Kulturwart — 37,2.1924

DOI issue:
Heft 11 (Augustheft 1924)
DOI article:
Häfker, Hermann: Die Himmelsdichtung, [1]
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https://doi.org/10.11588/diglit.14440#0215

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und der Dichtung, dcr Ordnung des menschlichen Innen- und Gesellschafts-
lebens und endlich der Techniken und Erfindungen kundgab, ist — der
Sternbilderhimmel in seinem ursprünglichen Sinne und seiner Einheit.
Wie die Schöpfung der Himmelskunde überhaupt stammt er in seiner llrform
von Völkern und Zeiten, die noch hinter der babylonischen Kultnrzusammen-
fassung liegen; den Namen der Sumerer umspielt da geheimnisvolle
Glorie. Es handelt sich um die Zusammensassung, Vollendung und Ver-
flüssigung von lange und langsam im Menschenhirn geknospeten Einzel-
wahrnehmungen, die plötzlich die Zahl als Ausdrucksmittel finden. Dieser
astronomische Frühling erblühte wohl nicht zu weit hinter Hammurabi.
Der uns bekannte griechische Sternbilderhimmel, der schon etwa 400 Iahre
vor unserer Zeitrechnung literarisch beglaubigt ist, erweist sich eben durch
seinen Entstehungsgang, abgesehen vom geistigen Inhalt, als ein vorder-
asiatisches Erbe, das, schon längst bestehend, aber nicht recht verstanden, in
der hellenischen Zeit aus den tausend orientalischen Anregungen heraus mit
renaissancehafter Entdeckerfreude endgültig übernommen und mit spru-
delnder hellenischer Schöpferkraft aus archarscher Blockhaftigkeit zu witz-
sprühendem Feuerspiel ausgestaltet wird. Aber gleichzeitig war das Schwer-
gewicht der Geistesbeschäftigung schon auf das mathematische Gebiet ver-
schoben, der Himmel war entgöttert; und so haben erst späte lateinische Dich-
ter eine nunmehr rein literarische und weit von der Quelle verirrte Wieder-
belebung oder vielmehr Enkel-Deutung des Sternbilderhimmels versucht.

Wir nun müssen zuerst noch einmal die Wege gehen, welche die ersten des
beobachtenden Menschen gewesen sind. Wir müssen den Himmel nur durch
den unbewaffneten Anblick und unter Ansschaltung unserer Buchkenntnisse
auf uns wirken lassen — das aber mit dem ganzen Spähertum, der er-
lebenden Ruhe und der sinnlichen Inbrunst des Menschen, dem Wahrheit
und Erkenntnis noch das märchenhafteste aller Märchen sind. Wir müssen
dann die in unserer Breite gemachten Beobachtungen um etwa 15 bis 20
Grad südlicher, und endlich zeitlich um etwa vier .Iahrtausende zurück-
verschieben. Den Sinn der letzteren Verschiebung zeigt Zeichnung 1 —
es handelt sich um die „Präzession", d. h. das Vorschreiten des Kreuzungs-
punktes von Aquator und Ekliptik, das in je zwei Iahrtausenden etwa
30 Grad — so viel wie ein Tierkreis„zeichen" — beträgt. Die Wirkung
ist, daß die Bedeutung, die heute jedem Tierkreisb ilde nach seiner Ord-
nung im Iahreskreislauf zufällt, vor vier Iahrtausenden dem um zwei
Aeichen weiter nach Westen (links) gelegenen gebührte. Gehen wir nach den
heute üblichen Tierkreis-„Zeichen", die bereits um 30 Grad gegen das „Bild"
nach Westen hin verschoben sind, so bedarfs nur noch einer Verschiebung um
ein Bild. Der Frühlingspunkt liegt z. B. heute im Bilde der Fische,
nahe dem großen Pegasus-Viereck; wir nennen aber diese Himmels-
gegend nach dem „Z e ich en" des Widders (7 ); zur Aeit Hammurabis
lag er aber im Bilde „Stier", und um 4000 v. Chr. lag er im Bilde der
Zwillinge. — Die Wirkung dieser Verschiebung, die nach Spuren minds-
stens schon im Zwillingszeitalter bekannt war, ist im wesentlichen nur die,
daß eine ursprünglich vielleicht denkbare starre Verbindung jedes Tierkreis-
bildes mit einer bestimmten sinnlichen Bedeutung allmählich gleitend wurde
und blieb, und daher nicht etwa ein dem Iahreszeitenverlauf folgendes,
mit Tierkreisbildern der Reihe nach illustrierbares Epos ermöglichte. Biel-
mehr hängt damit und mit der Unscheinbarkeit und Größenzufälligkeit ge-
wisser Tierkreisbilder (Wage, Krebs, Widder, Steinbock u. a.) zusammen»
 
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