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Kunstwart und Kulturwart — 37,2.1924

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Heft 12 (Septemberheft 1924)
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Vom Heute fürs Morgen
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https://doi.org/10.11588/diglit.14440#0289

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Hehnicke scheint, umnachtet von sei-
nem Gott-Gefühl, im Traum zu liegen.
Gleichnisse und Vilder drängen sich
reich in seine träumende Hand. Er
faßt unachtsam nach ihnen, greift und
gibt drei, vier auf einmal in kühnem
Beieinandcr, rührt andere nur an und
läßt alle wieder fallen, um nach neuen
zn langen. Auch die Form behandelt
er gleichsam traumher. Er neigt zu
hhmnisch-hinfließendem, breitem Gesang,
biblisch oder antikisch auklingend, der
plötzlich wieder entrhhthmet abfällt,
ohne Gesetz oder Notwendigkeit. Diese
Art zeugt von Reichtum und Bcgabung
und läßt oft Schönes entstehen. Aber
andererseits folgt aus solcher unwil-
lentlichen, nicht spezifisch „gekonnten"
Behandlung von Stoff urrd Form, daß
die Gedichte nicht zwingend sinb. Ich
habe drei Gedicht-Bücher von Kurt
Hehnicke gelesen: „Rings fallen Sterne"
(Sturm-Verl.), „Das namenlose Ange-
sicht" (Kurt Wolff), „Die hohe Ebcne«
(Erich Reiß). Ich habe, rückblickend
übcr diese Bände, wohl die Vorstellung
einer liebeerfüllten Kraft — die übri-
gens im Begriff zu sein scheint, immer
gereinigter und eigenbewußter zu wcr-
den —, aber keine einzige Prägung
dieser Kraft, kein Gedicht, kein Bild,
kein Wort aus dem hinrauschenden
Strom hat sich zwingend in mein Be-
wußtsein eingebrannt.

Ich kenne außer diesen drei Ge-
dichtbänden noch ein Drama. „Der
Kreis« (Erich Nciß). Es heißt: Ein
Spiel über den Sinnen und hat das
Erlebnis. Heynickes zum Inhalt. Ein
Gestorbener durchwandert gottfragerisch
getrieben dic Welt jenseits des Todes,
bis er erkennt, ich und alle sind Gott,
und als Erlöser neu geboren wird.
Diesem Inhalt ist Heynickes Dichter-
kraft nicht gewachsen, was freilich nicht
bcrwunderlich ist: Diesen Inhalt zu
erfüllen, bedürfte es einer Goethe-gro-
öen Gestaltungs- und Geistkraft. In
tzehnickes Gedichten steht reiner und
reicher, was er hier auszudrücken sich
müht.

Hehnicke ist heiß und echt angetrieben
zu rauschender, begeistertcrErhabenheit
und sein Ziel ist Gott. Das ist wohl
aller Hochachtung wert, und doch mahnt
etwas leise: Auch ganz kleine Dinge
des Alltags rühren, wenn ein Dichter

sie ohne Aufwand in die Hand nimmt,
bis an die Sterne und nur selten stür-
men dithyrambische Gesänge über Gott
und Seele die Himmel. M. Br.

Maarten Maartens' Sonette*

e^>ie deutsche, und weit allgemeiner
^die angelsächsische Welt kennt den
holländischen Dichter Maarten Maar-
tens als den Arheber großer Nomane.
Er gilt für einen ausgemachten Pro-
saiker; und für einen „Lpiker", von
dcssen persönlichem Leben und Wesen
der Leser gemäß dem Gesetz guter Epik
nichts oder fast nichts erfährt.

Oberflächliche Prüfung könnte ihn
wohl in die Familie der skeptisch-
geistreich-kühlen Romandichter einrei-
hen wollen, zu der ein Lhackeray, ein
Anatole France, ein Schnitzler und
viele Andere gehören. Doch wäre es
falsch und ungcrecht. Schon hinter Vor-
trag und Haltung des Romandichters
wittert innigere Einfühlung bald ein
leidenschaftliches, ein wildbewegtes, ein
gepeinigtes und beseligtes Mannes-
herz, eine allen Stolzes bare Mensch-
lichkeit, deren Gewalt selten zwar, doch
dann umso erschüttcrnder durch die reife
und wohlgeprägte Darstellung hindurch-
flammt.

Von diesem Herzen, so reich wie
das reichste, so arm wie das Lrmste,
von eines cinsamen, aller Welt und
Gesellschaft entrückten Menschen Lei-
den und Erhebungen, Liebe und Not
zeugen die Sonette mit seinem Namen
I. M. W. Schwartz. Auch diese Ge°
dichte glcichen nicht jener Lyrik, wel-
che wir Deutsche zumal als Inbegriff
dcr lyrischen Dichtung einschätzen und
welche auch im besten, ja gerade im
bcsten Falle nicht selten „gestammelter",
wie im Traum gefundener, schlicht gc°
beteter oder rauschtrunken herausgefie-
berter Ausdruck des in allen Weiten
und Liefen erschütterten, ergriffenen
Inneren ist. Nicht daran, nicht an die

Der folgende Aufsatz ist das (ge-
ste) Nachwort der Ausgabe der So-
e in der Kunstwart-Bücherei. In
em Hefte sind daraus auch einige
Sonette abgedruckt. Das Bärrd-
r enthält neben den deutschen die

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