Vaterland
>2^s ist ein Unglück, daß der Mars nicht gesprochen hat. Lust ohne-
R^gleichen erweckt der bloße Gedanke, daß er gesprochen hätte. Riesen-
^^gebirge von Dummheit wären rnit einern einzigen Worte des Mars
auf der Erde eingestürzt; und wenn man auch das Gesetz der Trägheit —
und dieses ist das Gesetz der Dummheit — für so mächtig hält, um zu
glauben, daß die irdische Menschheit auch das unzweifelhafte Marswort
zu leugnen versucht haben würde, urn sich in ihrem ohnegleichen eiteln
„Bisher" weiter brüsten zu können, — die erlauchten unter den Geistern,
für die es keines Marswortes bedarf, um „Welt" zu fühlen, sie hätten es
doch den Beharrlich-Verstockten so lange unter die hochgetragene Nase
reiben können, bis die Philisterseele hinter dieser Nase es nicht mehr hätte
leugnen dürfen! Und so hätte dieser Blitz aus Planetenferne die dämo-
nische Triebkraft dieser Zeit: das verstruppte Wesen des Menschenlebens
bloßzulegen, zündender unterstützt, als es alle Argumente tun können, deren
Inhalt immer noch einzig von der Erde stamrnen muß.
Diese Zeit ist chaotisch. Das Schwierigste aber, was dem Menschen-
geiste aufgegeben sein kann: aus einer chaotischen Gegenwart den Sinn
herauszulösen, der ihr für alle Zeit überhaupt, für den Zusammenhang
zwischen der Gegenwart und aller Vergangenheit und aller Zukunft zu«
kommt. Begreiflicherweise leisten diese Aufgabe nur Geister, die, was
immer sie anschauen, nicht an den Gegenwartsaugenblicken und an den
Flächeninhalten ihrer begrenzten Orte messen, sondern an Iahrtausenden
und an Weltraumdimensionen. Die Masse hingegen versagt vor dieser
Aufgabe. Es leben heute Köpfe unter uns, die völlig wissen, was von
bis M9 vorbereitend geschah, und was seit W9 vorgeht; die sich bis in
die letzte Faser ihres Bewußtseins darüber klar sind, diese Gegenwart leiste,
nach einer Spanne grandioser Zertrümrnerung von Mißverständnissen
über das Wesen des Lebens, eine Wiederherstellung dieses Wesens, wie
sie noch kein utopistischer Idealist erträumen durfte. Diese Köpfe aber
werden von der Masse noch belächelt; und deshalb ist die Stummheit des
Mars ein Unglück! Sie verdammt uns weiter zu dem unerbittlichsten Gebot
kosmischen Werdens: Geduld. Dieses kosmische Werden nämlich geht lang-
sam und in Rmwegen und in Nückwegen vor sich. Wäre es denn nicht
himmlisch, wenn auch die Menge schon witterte, was diese Köpfe schon
besser wissen, als jedes gelungene Experiment „beweisen" könnte? And
ist es denn so schwierig zu wittern, daß diese Welt ein Schauplatz unge»
heueren Glücks sein kann, sobald nur endlich verstanden wird, was ihr
Sinn ist? Ia, es ist schwierig; solange der Geist in dieser Gegenwart be-
fangen ist. Denn diese Gegenwart ist das lächerlichste Äebeneinander von
unerhörter Lüge und einfachster Wahrheit; von hunnischer Barbarei und
allerhöchster Blüte menschlicher GeistsehnsuchL; von faustdicker alter Borniert-
heit und hemmungslos aufgerissener neuer Fühlkraft!
Und — rauft nicht überall dieses „Neue" mit dem „Alten"? And hat
nicht schon die bloße Einkleidung der gegenwärtigen Umstürze in das
Aovemberhest ^92^ (XXXVIII, 2)
57
>2^s ist ein Unglück, daß der Mars nicht gesprochen hat. Lust ohne-
R^gleichen erweckt der bloße Gedanke, daß er gesprochen hätte. Riesen-
^^gebirge von Dummheit wären rnit einern einzigen Worte des Mars
auf der Erde eingestürzt; und wenn man auch das Gesetz der Trägheit —
und dieses ist das Gesetz der Dummheit — für so mächtig hält, um zu
glauben, daß die irdische Menschheit auch das unzweifelhafte Marswort
zu leugnen versucht haben würde, urn sich in ihrem ohnegleichen eiteln
„Bisher" weiter brüsten zu können, — die erlauchten unter den Geistern,
für die es keines Marswortes bedarf, um „Welt" zu fühlen, sie hätten es
doch den Beharrlich-Verstockten so lange unter die hochgetragene Nase
reiben können, bis die Philisterseele hinter dieser Nase es nicht mehr hätte
leugnen dürfen! Und so hätte dieser Blitz aus Planetenferne die dämo-
nische Triebkraft dieser Zeit: das verstruppte Wesen des Menschenlebens
bloßzulegen, zündender unterstützt, als es alle Argumente tun können, deren
Inhalt immer noch einzig von der Erde stamrnen muß.
Diese Zeit ist chaotisch. Das Schwierigste aber, was dem Menschen-
geiste aufgegeben sein kann: aus einer chaotischen Gegenwart den Sinn
herauszulösen, der ihr für alle Zeit überhaupt, für den Zusammenhang
zwischen der Gegenwart und aller Vergangenheit und aller Zukunft zu«
kommt. Begreiflicherweise leisten diese Aufgabe nur Geister, die, was
immer sie anschauen, nicht an den Gegenwartsaugenblicken und an den
Flächeninhalten ihrer begrenzten Orte messen, sondern an Iahrtausenden
und an Weltraumdimensionen. Die Masse hingegen versagt vor dieser
Aufgabe. Es leben heute Köpfe unter uns, die völlig wissen, was von
bis M9 vorbereitend geschah, und was seit W9 vorgeht; die sich bis in
die letzte Faser ihres Bewußtseins darüber klar sind, diese Gegenwart leiste,
nach einer Spanne grandioser Zertrümrnerung von Mißverständnissen
über das Wesen des Lebens, eine Wiederherstellung dieses Wesens, wie
sie noch kein utopistischer Idealist erträumen durfte. Diese Köpfe aber
werden von der Masse noch belächelt; und deshalb ist die Stummheit des
Mars ein Unglück! Sie verdammt uns weiter zu dem unerbittlichsten Gebot
kosmischen Werdens: Geduld. Dieses kosmische Werden nämlich geht lang-
sam und in Rmwegen und in Nückwegen vor sich. Wäre es denn nicht
himmlisch, wenn auch die Menge schon witterte, was diese Köpfe schon
besser wissen, als jedes gelungene Experiment „beweisen" könnte? And
ist es denn so schwierig zu wittern, daß diese Welt ein Schauplatz unge»
heueren Glücks sein kann, sobald nur endlich verstanden wird, was ihr
Sinn ist? Ia, es ist schwierig; solange der Geist in dieser Gegenwart be-
fangen ist. Denn diese Gegenwart ist das lächerlichste Äebeneinander von
unerhörter Lüge und einfachster Wahrheit; von hunnischer Barbarei und
allerhöchster Blüte menschlicher GeistsehnsuchL; von faustdicker alter Borniert-
heit und hemmungslos aufgerissener neuer Fühlkraft!
Und — rauft nicht überall dieses „Neue" mit dem „Alten"? And hat
nicht schon die bloße Einkleidung der gegenwärtigen Umstürze in das
Aovemberhest ^92^ (XXXVIII, 2)
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