Vom Heute fürs Morgen
KürrftlerischeS rr«d fittliches Handeln *
ndessen iruch der echteste Künstler und
der wahrheitsliebendste Forscher ist
doch nur ein Stück von einem Men»
schen, so lange er nicht noch mehr ist
als Künstler oder Forscher. Iener, der
Künstler, baut, wie ich schon sagte, nur
eine Welt der Phantasie auf. Diese
Welt nun mag noch so sehr mensch-
lrch, also sittlich bedeutsam sein, das
Ziel des sittlichen Wollens ist damrt
nrcht erreicht. Dies Ziel besteht nun
Änmal nicht darin, daß das Gute als
Inhalt der Phantasie, sorrdern darin,
daß es in der Welt verwirklicht werde.
Demgemäß kann auch ein Mensch in
sich selbst nicht das sittlich Höchste er»
reicht zu haben meinen, wenn er sich be--
gnügt, das, was menschlich bedeutsam
ist oder Menschen innerlich bewegt, in
seiner Phantasie zu erleben und zu ge»
stalten. Sondern höher ist das Erle»
ben und Miterleben des Menschlichen,
die Anteilnahme an Freud und Leid,
am Liebens- und Hassenswerten in der
wirklichen Welt, und der entsprechende
* Wir entnehmen diese kleine Probe
einenr Buch, das langsam doch unwi-
derstehlich sich durchgesetzt hat: Lh.
Lipps' „Ethischen Grundfragen". Lange
vor dem Kriege fi^ei L. Voß, tzamburg)
erschienen, hat es seine vierte Auflage
nun erlebt. Es gehört unzweifelhast zu
den höchsten ethischen Werken einer
ganzen Epoche. Mcht nur weil es ein
in sich vollendetes, geschlossenes Werk
ist, darin aus einheitlicher Vorausset-
zung Inhalt und Sinn der gesamten
Ethik abgelettet wird; mehr weil es nicht
ein Lehrbuch, sondern eine wirkliche
^Lehre", das persönliche Werk eines
Mannes höchster ethischer Stimmung
Lst. Es ist übrigens eine der ersten
Früchte der Volksbildungsbewegung, da
es aus zehn Volkshochschulvorträgen be-
steht. In einer Zeit, die unvergleich-
lich konventioneller, zaghafter und un-
freier dachte als diese, hat Lipps schon
Anschauungen mit Äachdruck vertreten,
deren Geltung wir nun alle empfinden.
Auch das sollte unvergessen sein. Wir
bringen bald eine weitere kurze Probe
aus dem Werk. K--L
Wille zur Tat. Eine höhere Kraft des
Miterlebens, demgemäß auch, als Vor>»
aussetzung desselben, eine höhere Stärke
des eigenen Erlebens ist hierzu erforder«
lich und erweist sich hierin. Das Wirk»
liche pflegt sich nun einmal nicht im
künstlerischen Gewande darzustellen; der
Wirklichkett fehlen die Mittel, die dem
Künstler zu Gebote stehen, den InhalL
des Kunstwerks unmittelbar anschaulich
und faßbar zu machen und dem Gemüte
unmittelbar nahezubringen und aufzu--
drängen. Das Wirkliche und das sittlich
Wichtigste in der Wirklichkeit ist viel»
leicht ästhetisch oder künstlerisch die un-
interessanteste Latsache;und trotzdem ist
es eine Tatsache, die stttliche Forderun-
gen stellt. Ünd vor allem kommt hier
noch dies in Betracht: Dem Mtterleben
dessen, was die Wirklichkeit aufzeigt,
und dem entsprechenden tzandeln stehen
überall die egoistischen Interessen hem«
mend im Wege, die für die ästhetische
Betrachtung ausgeschaltet sind, und in
der Welt der künstlerischen Phantasie,
und dem, was in sie aufgenommen ist,
keinen Angriffspunkt finden.
So ist es kein Wunder, wenn der
des künstlerischen Schaffens im höchsten
Grade Fähige» ebenso wie der nur Ge*
nießende, doch vielleicht den stttlichen
Interessen der Wirklichkett teilnahms-
los gegenübersteht, oder wenn zum min»
desten seinem Miterleben die jKrast fehlt,
die erforderlich wäre, wenn es zur Äat
werden sollte. Es ist eben kein Zwei-
fel: So gewiß es etwas eigenartig Ho«
hes ist um das künstlerische Vermögen,
so gewiß gehört doch auch wiederum sehr
Viel mehr, nämlich sshr viel sgrößere sitt-
liche Krast zum Kampf um die sittlichen
Güter in der Welt. Von jdiesem Kampfe
sich zurückziehen, in die Welt der künst-
lerischen Phantasie sich einschließen, in
eine lediglich „ästhetische Weltbetrach-
tung" sich einlullen, ist Beschränkthett,
Schwäche oder Blindheit. Grtönt in
einer Zeit der Ruf nach einer solchen
ästhetischen „Weltanschauung" statt der
sittlichen, so ist dies jedesmal ein tie-
fes Krankheitssymptom der Zeit, ein
Zeichen einer tiefgehenden Erschlaffung,
innerlichen Auflösung, „Dekadenz".
KürrftlerischeS rr«d fittliches Handeln *
ndessen iruch der echteste Künstler und
der wahrheitsliebendste Forscher ist
doch nur ein Stück von einem Men»
schen, so lange er nicht noch mehr ist
als Künstler oder Forscher. Iener, der
Künstler, baut, wie ich schon sagte, nur
eine Welt der Phantasie auf. Diese
Welt nun mag noch so sehr mensch-
lrch, also sittlich bedeutsam sein, das
Ziel des sittlichen Wollens ist damrt
nrcht erreicht. Dies Ziel besteht nun
Änmal nicht darin, daß das Gute als
Inhalt der Phantasie, sorrdern darin,
daß es in der Welt verwirklicht werde.
Demgemäß kann auch ein Mensch in
sich selbst nicht das sittlich Höchste er»
reicht zu haben meinen, wenn er sich be--
gnügt, das, was menschlich bedeutsam
ist oder Menschen innerlich bewegt, in
seiner Phantasie zu erleben und zu ge»
stalten. Sondern höher ist das Erle»
ben und Miterleben des Menschlichen,
die Anteilnahme an Freud und Leid,
am Liebens- und Hassenswerten in der
wirklichen Welt, und der entsprechende
* Wir entnehmen diese kleine Probe
einenr Buch, das langsam doch unwi-
derstehlich sich durchgesetzt hat: Lh.
Lipps' „Ethischen Grundfragen". Lange
vor dem Kriege fi^ei L. Voß, tzamburg)
erschienen, hat es seine vierte Auflage
nun erlebt. Es gehört unzweifelhast zu
den höchsten ethischen Werken einer
ganzen Epoche. Mcht nur weil es ein
in sich vollendetes, geschlossenes Werk
ist, darin aus einheitlicher Vorausset-
zung Inhalt und Sinn der gesamten
Ethik abgelettet wird; mehr weil es nicht
ein Lehrbuch, sondern eine wirkliche
^Lehre", das persönliche Werk eines
Mannes höchster ethischer Stimmung
Lst. Es ist übrigens eine der ersten
Früchte der Volksbildungsbewegung, da
es aus zehn Volkshochschulvorträgen be-
steht. In einer Zeit, die unvergleich-
lich konventioneller, zaghafter und un-
freier dachte als diese, hat Lipps schon
Anschauungen mit Äachdruck vertreten,
deren Geltung wir nun alle empfinden.
Auch das sollte unvergessen sein. Wir
bringen bald eine weitere kurze Probe
aus dem Werk. K--L
Wille zur Tat. Eine höhere Kraft des
Miterlebens, demgemäß auch, als Vor>»
aussetzung desselben, eine höhere Stärke
des eigenen Erlebens ist hierzu erforder«
lich und erweist sich hierin. Das Wirk»
liche pflegt sich nun einmal nicht im
künstlerischen Gewande darzustellen; der
Wirklichkett fehlen die Mittel, die dem
Künstler zu Gebote stehen, den InhalL
des Kunstwerks unmittelbar anschaulich
und faßbar zu machen und dem Gemüte
unmittelbar nahezubringen und aufzu--
drängen. Das Wirkliche und das sittlich
Wichtigste in der Wirklichkeit ist viel»
leicht ästhetisch oder künstlerisch die un-
interessanteste Latsache;und trotzdem ist
es eine Tatsache, die stttliche Forderun-
gen stellt. Ünd vor allem kommt hier
noch dies in Betracht: Dem Mtterleben
dessen, was die Wirklichkeit aufzeigt,
und dem entsprechenden tzandeln stehen
überall die egoistischen Interessen hem«
mend im Wege, die für die ästhetische
Betrachtung ausgeschaltet sind, und in
der Welt der künstlerischen Phantasie,
und dem, was in sie aufgenommen ist,
keinen Angriffspunkt finden.
So ist es kein Wunder, wenn der
des künstlerischen Schaffens im höchsten
Grade Fähige» ebenso wie der nur Ge*
nießende, doch vielleicht den stttlichen
Interessen der Wirklichkett teilnahms-
los gegenübersteht, oder wenn zum min»
desten seinem Miterleben die jKrast fehlt,
die erforderlich wäre, wenn es zur Äat
werden sollte. Es ist eben kein Zwei-
fel: So gewiß es etwas eigenartig Ho«
hes ist um das künstlerische Vermögen,
so gewiß gehört doch auch wiederum sehr
Viel mehr, nämlich sshr viel sgrößere sitt-
liche Krast zum Kampf um die sittlichen
Güter in der Welt. Von jdiesem Kampfe
sich zurückziehen, in die Welt der künst-
lerischen Phantasie sich einschließen, in
eine lediglich „ästhetische Weltbetrach-
tung" sich einlullen, ist Beschränkthett,
Schwäche oder Blindheit. Grtönt in
einer Zeit der Ruf nach einer solchen
ästhetischen „Weltanschauung" statt der
sittlichen, so ist dies jedesmal ein tie-
fes Krankheitssymptom der Zeit, ein
Zeichen einer tiefgehenden Erschlaffung,
innerlichen Auflösung, „Dekadenz".


