Schönheit!
chönheit! so rufe ich. Aber, das Wort kaurn ausgesprochen, und Weh«
^i^^mut befällt meinen Mund! Wohin entschwandest du uns? Was vertrieb
^»»^dich? Wovor flohst du? Oder — bist du uns bisher nur in Blitzen er-
schienen, aber niemals noch ganz?
Nein! Als ich jung war, da lebtest du noch! Tausendmal, hunderttausend»
mal in jeder Stunde erschienst du mir damals! Nicht als Vision einer Sehn-
sucht! Als gewisse Gestalt! Griechenland wurde mein. Italien tat sich mir
auf. O welche Feste wir feierten! Welche rauschenden Feste! Lines Morgens
stiegen die Götter, weitz und ohne Leidenschaft, aus der verheerten Erde.
Eines Abends brach Phäa aus der Woge,- Lorbeer, Granatbaum und das
rotbraune Schiff mit dem goldenen Weihgeschenke. Und in einem Winter
stieg ich die Stufen aller römischen Paläste empor, und die Säle, die Hallen,
die SLatuen, die Bilder, die Brokate, die Schätze, — was war ich anderes
als ein Bettler der lächerlichen Gegenwart? und dennoch gehörten sie mir;
lächelnd, und alle! Damals, ja, Göttin, besaß ich dich! Nicht geduldet etwa,
sondern von deinen Armen wie der Geliebte umschlungen! War unter den
tzorizonten deiner Dämmerung nur eine Scholle Flur, die nicht bebte in
tönendem Schwung? Rnd den Lenz deiner Feberruten trank ich, die Morgen-
leuchte deiner Tempel, die Lollheit deiner Monde, den Katarakt deiner rast-
los regen Finsternisse,- und — das Leben deiner Menschen! Deiner ruhen-
den oder wandelnden Menschen, die in den dionysischen Gärten oder in den
heroischen Wildnissen — Klippe hier mit mohnschwarzer Brandung, Ginster
dort und Becken der Vläue — ihre Seelen formten oder die selig schon
geformten mit ihren Gliedern hertrugen vor dir! Wenn sie schwiegen, dann
war es nur, weil die Welt um sie herum innehielt soeben im Wagespiek
zwischen Stufe und Stufe der Schönheit! Dann senkten die Kinder die kaum
erweckten Köpfchen wie zurück in den natürlichen Schlummer. Schauten die
Männer mit unerstaunten Augen in diese Stunde des Nichtgeschehens. Und
atmeten die Frauen, unbewußt, den Seufzer aus, der dem Wiederanheben
galt; dem Wiederanheben der unbeschreiblichen Geburt. Aber erst, wenn sie
redeten! Redeten sie? Sangen sie nicht? Was rmmer es war, Lied oder
Nede, es entfloß ihnen nur, weil nun Der Wind in die Landschaft einstieß,
die Meere zu rollen begannen, und die Myriaden deiner Zeugen, gimm-
lische, welche die schreitende Zeit erzeugt hatte, im Beben der spätmittägli-
chen Erde unter dem tosenden Feuer der Sonne dich zu verkünden anfingen;
Lpos, doppeltes, rhapsodiert von den Iahrtausenden, die schon wieder rhyth-
misch um die Gestirne kreisten; und von den Zungen der Gegenwart, die dich
lebendig erhielt. Nnd kein Laut rn diesem Epos, der nicht Vers war! Und
kein Vers, der nicht dich pries, — Verlorene!
Ia Verlorene! Aus der Arktis meiner ungeheueren Ferne küsse ich dich,
Korn der Erde, die du mich erleben ließest die Fülle dieser Magie! Küsse ich
dich, Zone der Luft, die mir zuschaukelte den Ton, den grenzenlos süßen,
der die tzochzeit der Rose verriet mit dem Gebet um die ^Idee". Ach, küsse
ich dir, Fürstin, Geliebte, dir, Weib, deine Füße, daß Du mr'ch schlürfen
ließest, einmal, die Pracht deines Leibs in der Flut deiner Liebe!
Dezemberhest.^92^ (XXXVIII, 3)
(05
chönheit! so rufe ich. Aber, das Wort kaurn ausgesprochen, und Weh«
^i^^mut befällt meinen Mund! Wohin entschwandest du uns? Was vertrieb
^»»^dich? Wovor flohst du? Oder — bist du uns bisher nur in Blitzen er-
schienen, aber niemals noch ganz?
Nein! Als ich jung war, da lebtest du noch! Tausendmal, hunderttausend»
mal in jeder Stunde erschienst du mir damals! Nicht als Vision einer Sehn-
sucht! Als gewisse Gestalt! Griechenland wurde mein. Italien tat sich mir
auf. O welche Feste wir feierten! Welche rauschenden Feste! Lines Morgens
stiegen die Götter, weitz und ohne Leidenschaft, aus der verheerten Erde.
Eines Abends brach Phäa aus der Woge,- Lorbeer, Granatbaum und das
rotbraune Schiff mit dem goldenen Weihgeschenke. Und in einem Winter
stieg ich die Stufen aller römischen Paläste empor, und die Säle, die Hallen,
die SLatuen, die Bilder, die Brokate, die Schätze, — was war ich anderes
als ein Bettler der lächerlichen Gegenwart? und dennoch gehörten sie mir;
lächelnd, und alle! Damals, ja, Göttin, besaß ich dich! Nicht geduldet etwa,
sondern von deinen Armen wie der Geliebte umschlungen! War unter den
tzorizonten deiner Dämmerung nur eine Scholle Flur, die nicht bebte in
tönendem Schwung? Rnd den Lenz deiner Feberruten trank ich, die Morgen-
leuchte deiner Tempel, die Lollheit deiner Monde, den Katarakt deiner rast-
los regen Finsternisse,- und — das Leben deiner Menschen! Deiner ruhen-
den oder wandelnden Menschen, die in den dionysischen Gärten oder in den
heroischen Wildnissen — Klippe hier mit mohnschwarzer Brandung, Ginster
dort und Becken der Vläue — ihre Seelen formten oder die selig schon
geformten mit ihren Gliedern hertrugen vor dir! Wenn sie schwiegen, dann
war es nur, weil die Welt um sie herum innehielt soeben im Wagespiek
zwischen Stufe und Stufe der Schönheit! Dann senkten die Kinder die kaum
erweckten Köpfchen wie zurück in den natürlichen Schlummer. Schauten die
Männer mit unerstaunten Augen in diese Stunde des Nichtgeschehens. Und
atmeten die Frauen, unbewußt, den Seufzer aus, der dem Wiederanheben
galt; dem Wiederanheben der unbeschreiblichen Geburt. Aber erst, wenn sie
redeten! Redeten sie? Sangen sie nicht? Was rmmer es war, Lied oder
Nede, es entfloß ihnen nur, weil nun Der Wind in die Landschaft einstieß,
die Meere zu rollen begannen, und die Myriaden deiner Zeugen, gimm-
lische, welche die schreitende Zeit erzeugt hatte, im Beben der spätmittägli-
chen Erde unter dem tosenden Feuer der Sonne dich zu verkünden anfingen;
Lpos, doppeltes, rhapsodiert von den Iahrtausenden, die schon wieder rhyth-
misch um die Gestirne kreisten; und von den Zungen der Gegenwart, die dich
lebendig erhielt. Nnd kein Laut rn diesem Epos, der nicht Vers war! Und
kein Vers, der nicht dich pries, — Verlorene!
Ia Verlorene! Aus der Arktis meiner ungeheueren Ferne küsse ich dich,
Korn der Erde, die du mich erleben ließest die Fülle dieser Magie! Küsse ich
dich, Zone der Luft, die mir zuschaukelte den Ton, den grenzenlos süßen,
der die tzochzeit der Rose verriet mit dem Gebet um die ^Idee". Ach, küsse
ich dir, Fürstin, Geliebte, dir, Weib, deine Füße, daß Du mr'ch schlürfen
ließest, einmal, die Pracht deines Leibs in der Flut deiner Liebe!
Dezemberhest.^92^ (XXXVIII, 3)
(05


