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Kunstwart und Kulturwart — 38,1.1924-1925

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Heft 5 (Februarheft 1925)
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Lose Blätter
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Vom Heute fürs Morgen
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https://doi.org/10.11588/diglit.14441#0259

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Wortes, der Bewegung, der Gebärde: des Ausdrucks. Es hat tanzliche Ziele
in sich aufgenommen, und es fehlt nicht und wird bald noch weniger als
heute fehlen an unmittelbarer Befruchtung des Theaters durch den Tanz.
Nicht indem man die TanzeLnlagen vermehrt, sondern indem Schauspielende
tänzerische Anregungen ausnehmen.

Darin wird offenbar die geheime Arursache einer Entwicklung,
welche so im Theater wie in andern Lebenserscheinungen, vor allem aber
im Werden des Tanzes wirkt, der ihr eindeutigster Ausdruck ist. Das Welt-
und Lebensgefühl der Epoche wendet sich von intellektualem Begreifen
und der Lust daran, von der befriedigten Passivität verstehenden oder ahnen-
den Zuschauens hin zur Aktivität der Willensentfaltung, von den Idealen
einer vorgedachten Harmonie zu denen opferwilliger Triebbejahung. Die
Geburt des Tanzes entspringt nicht der Laune begabter Frauen, sondern
dem Wellengesetz europäischen Geisteswandels, dessen führend Anterworfene
und schöpferisch Gehorchende sie sind. Sie erhält aus solchem Gesetz Würde,
Kraft, Begrenzung und Bestätigung. Wolfgang Schumann

Vom Heute fürs Morgen

Aus Alfred Lichtwarks „Reiiebriefen"

j^Die folgenden Proben entstammen
einem einzigartigen Buch, das Gustav
Pauli mit kluger und verständnisrei-
cher Einleitung herausgab: Lichtwarks
Briefen an die tzamburger Kunstkom-
mission (Westermann, Braunschweig).
Der Hamburger Kunsthallendirektor
reiste viel in der Welt herum. Zwischen
Lngland, Frankreich, Deutschland gin-
gen seine Hauptwege. Er besah Aus-
stellungen, Museen, Ateliers, Städte-
bau, Parks, Landschaftscharaktere, er
besuchte Künstler, Kollegen, Kritiker; er
sah viel, er dachte viel, er plante viel
und kaufte viel für die Heimat, der er
ein Museum besten Aufbaus schuf.
And von alledem schrieb er Briefe,
lang und plaudersam, an die würdigen
Herren, die seine Kommission bildeten.
Nicht vertraut, doch sehr offen und
persönlich; nicht geistige Leistungen
ersten Ranges, doch unvergleichliche
Feuilletons, grunddeutsch und über die
Grenze des Durchschnittlichen weitge-
steigert. Wie das klang und worum
es ging, zeigen die Proben. Es sind
oft kleine, oft zeitliche Dinge, die
Lichtwark beschäftigen. Aber ein feiner
und gehaltreicher Mensch steht dahin-
ter, der länger lebt als seine Anliegen.
Ein Stück Kunstgeschichte spiegelt sich,
das zwar vergangen ist, da wir nun
Kunst mit weit höheren Forderungen

an ihre Leidenschaft und Wucht be-
trachten — unsäglich fern und fremd
ist uns die sinnenzarte und sauber un-
erschütterte Auffassung eines Lichtwark;
doch bleibt erlebte Kunstgeschichte be-
deutsam ganz jenseits unserer Einstel-
lung. Ein Stück Kulturgeschichte ver-
webt sich damit, ebenso überholt —
deutsche Bürgertumblüte spätester Prä-
gung! —, ebenso erlebt und ebenso be-
deutsam. And in beiden leuchten die
Erkenntnisse eines reifen Mannes und
wirkenden Geistes unvergangen, der den
Besten seiner Zeit genug getan. K-L^
Dresden, den 14. September 1899.
^A.o intelligent die Dresdener Aus-
>2stellung gemacht, so hoch ihr mitt-
lerer Durchschnitt ist, sie hinterläßt doch
dasselbe Gefühl des Ilnbehagens, wie
alle die seit der Mitte der achtziger
Iahre in Flor gekommenen großen
Ausstellungen. Wozu wird alle diese
Kunst gemacht? So lange Kunst in
der Welt war, hat sie gedient. Heute
dient sie niemand mehr, dem Priester
nicht, dem Fürsten nicht und nicht dem
Bürger. Sie ist im neunzehnten Iahr-
hundert eine Freigelassene geworden,
und Freiheit ist schwer zu ertragen,
das haben alle Sklavenemanzipationen
der Welt gelehrt. Eine Generation
pflegt darüber zugrunde zu gehen.
Auch die meisten Künstler können die
Freiheit nicht benutzen, und in ihnen
 
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