Die Kunstwelt: deutsche Zeitschrift für die bildende Kunst — 1.1911-1912
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https://doi.org/10.11588/diglit.27186#0743
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Giesecke, Albert: Dilettantismus und Volkskunst
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DILETTANTISMUS UND VOLKSKUNST
vor allem, da sie von einem anerkannten Maler
herrühren, der doch wohl in seinem Berufe
Erfahrungen genug gemacht haben muß, die
ihm ausführbare Vorschläge eingeben können.
Wer aber die gesamte Kunstproduktion der
letzten zwanzig Jahre überblickt und zu seinen
Beobachtungen die historische Erfahrung hinzu-
nimmt, wird mit Thoma nicht übereinstimmen.
Ja, wenn es sich bei den Schulen um Volks-
schulen und bei den Originalarbeiten um
Werke von Thoma selbst (oder von durch
ihn gebildeten tüchtigen Künstlern) handelt,
so wird man ihm unbedingt beipflichten müssen.
Ist doch keine Kunst so volkstümlich wie die Tho-
mas und im höchsten Sinne Kunst! Sie ist eine
gute, die rechte Kost für unser Volk, und man
könnte wünschen, daß die Thoma-Gesinnung
sich recht weit über deutsche Gaue verbreite
und vor allem auch in die Kunstschulen und
Künstlerheime einziehe. Aber — wer möchte
wünschen, daß auch an den Mittelschulen die
„Thoma-Kunst“ oder sagen wir die „deutsche“
Volkskunst, die Alleinherrschaft innehabe?
Wer, der von der Kost der deutschen Klassiker
genossen, denen Hellas und Italien soviel
bedeutete? Und dann — vergessen wir doch
nicht, daß es heute weniger denn je schöpferische
Künstler gibt — ein volkstümlicher Künstler
sein heißt von innerer Empfindung beseelt und
damit schöpferisch sein, während die über-
wiegende Mehrzahl der Künstler von heute
„Naturalisten“ sind, Künstler, die der Natur ihr
Geheimnis mit Hebeln und mit Schrauben ab-
zwingen wollen und die auf ihre innere Stimme
nicht hören. Wollte man nun also in die
Schulen die Werke dieser Mehrheit hinein-
bringen, so würde man mehr schaden als nützen:
man würde nur lehren, daß die Kunst in
derjagd nach etwas Äußerlichem bestehe.
Sehr wenig versprechen wir uns auch von der
„Anregung zum eignen Schaffen“, die eine
Skizze, ein Stilleben usw. geben könne. Wer
selbst das Stadium eines irrigen Dilettantismus
passiert hat, der muß von solchen Neuerungen
abraten. Zu leicht nur nehmen Laien eine
Studie und Skizze für das Kunstwerk, be-
ginnen mit Lust solche „Kunstwerke“ zu machen
und versperren sich so auf immer den Weg
zur Kunst. Sind doch die meisten heutzutage
auf Ausstellungen gezeigten Gemälde nur Studien
und Skizzen! Und doch sollte man sie gerade
nicht ausstellen. Haben sie doch nur Be-
HIRTENKNABE. BRONZE GERHARD JANENSCH
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vor allem, da sie von einem anerkannten Maler
herrühren, der doch wohl in seinem Berufe
Erfahrungen genug gemacht haben muß, die
ihm ausführbare Vorschläge eingeben können.
Wer aber die gesamte Kunstproduktion der
letzten zwanzig Jahre überblickt und zu seinen
Beobachtungen die historische Erfahrung hinzu-
nimmt, wird mit Thoma nicht übereinstimmen.
Ja, wenn es sich bei den Schulen um Volks-
schulen und bei den Originalarbeiten um
Werke von Thoma selbst (oder von durch
ihn gebildeten tüchtigen Künstlern) handelt,
so wird man ihm unbedingt beipflichten müssen.
Ist doch keine Kunst so volkstümlich wie die Tho-
mas und im höchsten Sinne Kunst! Sie ist eine
gute, die rechte Kost für unser Volk, und man
könnte wünschen, daß die Thoma-Gesinnung
sich recht weit über deutsche Gaue verbreite
und vor allem auch in die Kunstschulen und
Künstlerheime einziehe. Aber — wer möchte
wünschen, daß auch an den Mittelschulen die
„Thoma-Kunst“ oder sagen wir die „deutsche“
Volkskunst, die Alleinherrschaft innehabe?
Wer, der von der Kost der deutschen Klassiker
genossen, denen Hellas und Italien soviel
bedeutete? Und dann — vergessen wir doch
nicht, daß es heute weniger denn je schöpferische
Künstler gibt — ein volkstümlicher Künstler
sein heißt von innerer Empfindung beseelt und
damit schöpferisch sein, während die über-
wiegende Mehrzahl der Künstler von heute
„Naturalisten“ sind, Künstler, die der Natur ihr
Geheimnis mit Hebeln und mit Schrauben ab-
zwingen wollen und die auf ihre innere Stimme
nicht hören. Wollte man nun also in die
Schulen die Werke dieser Mehrheit hinein-
bringen, so würde man mehr schaden als nützen:
man würde nur lehren, daß die Kunst in
derjagd nach etwas Äußerlichem bestehe.
Sehr wenig versprechen wir uns auch von der
„Anregung zum eignen Schaffen“, die eine
Skizze, ein Stilleben usw. geben könne. Wer
selbst das Stadium eines irrigen Dilettantismus
passiert hat, der muß von solchen Neuerungen
abraten. Zu leicht nur nehmen Laien eine
Studie und Skizze für das Kunstwerk, be-
ginnen mit Lust solche „Kunstwerke“ zu machen
und versperren sich so auf immer den Weg
zur Kunst. Sind doch die meisten heutzutage
auf Ausstellungen gezeigten Gemälde nur Studien
und Skizzen! Und doch sollte man sie gerade
nicht ausstellen. Haben sie doch nur Be-
HIRTENKNABE. BRONZE GERHARD JANENSCH
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