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Kurpfälzer Jahrbuch: ein Volksbuch über heimatliche Geschichtsforschung, das künstlerische, geistige und wirtschaftliche Leben des Gebietes der einstigen Kurpfalz — 4.1928

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Braun-Rühling, Max: Das schwarze Osterei
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https://doi.org/10.11588/diglit.29785#0196

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Von Max B r a u n - Kaiserslautern

Am Ostersamstag Anno 1613 ging der Luchmacher Iean Cherdron
von Otterburg durch die Senke des Erlenbaches nach Kaiserslautern, um
seinen Enkeln, den Kind-ern seiner Aeltesten, die Ostereier zu bringen. Man
sagte damals. daß die Otterburger Hüh-ner die besten und gröhten Eiec
legten. Dielleicht weil sie etwas besseres Futter hatten wie d-i-s Hühner
von Lautern. denn das Gebiet der alten Otterburg/ war ein fruchtbares
Stück Land, welches die Zisterzienser sich 470 Iahre- vorher schon wohl-
weislich zur Siedlung ausersehen hatten. Dielleicht auch waren die Otter-
berger Hühner in diesen guten 2duf gekommen, weil sie nach d-em Dorbilde
ihrer Desitzer das Gackern besser verstanden als alle Hühnerschwestern
ringsum. Die Otterburger waren tm Gegensatz zu den etwas schwsr-
sälligeren Lauterern ein gar lebh-astes Völkchen, rührig mit Hand und
Mund, und die Alt-Kaiserslauterer in ihrer Sechzehn-Turm-Stadt mit
ihrem alten reichsstädtischen Stolze hatten sich männiglich zu wehren
gegen öie ausstrebende, neue wallonische Gemeind-e mit ihren jungen Tuch-
manusakturen, welch letztere der Lauterer alteingesessenen Tuchmacher-
zunst ernstlich zu schafsen machten.

Deim Vorbeigehen an der Erlenbachsenke hörte Sean Cherdron ein
Stöhnen aus einem Gebüsche. Er ging öer Tlcsachs nach und fand dort
einenMann liegen, den er als seinenMitbürger und FreundLouisVaquet
erkannte. Hilfreich drehte er den am Bod-en sich Krümmenden um. Aber
entsetzt wich er zurück als er sah, dah der Schwerkranks von d-er Pest be-
fallen war. Jean Cherdron überlegte was er tun sollte. Durfte er den
Freund seinem Schicksal überlassen? Konnte er ihm helfen? Durfte er
es? Hatte es einen Sinn, sich mit dem Tod-geweihten zu befassen? Wie
ein schwarzes Gespenst sprang es ihn plötzlich an. Vor seinen Augen
tanzten die Bäume, wackelten die Felsen der waldigen Schlucht, ein
düsteres Gewölke zog in diesem Auge-nblick h-erauf und verdunkelte den
Spätnachmittag. Es gcauste den Zweifelnden. Flieh-e! rief eine Stimme
in ihm, Zean Cherdron fliehe, die Pest ist dsr Tod! Zean Cherdron rette
dich! Llnd d-er gepeitschte Mann raffte sein Säcklsin mit den Ostereiern
zusammen. Da sah er, dah ein Ei aus der Sackhülle zu Boden gerollt
war. Er stopfte es zu den andern und sprang den Hügel h-inan auf die
freie Höhe und lief und lief bis er in d-er Abenddämmerung die Türine
von Lautern sah.

Die Feigheit hatte im übrigen nicht Patin an se-iner Wiege gestanden:
Iean Cherdron war ein herzhafter Mann d-er Tat. Aber vor dieser Pest
hatte ihn in seinem wechselvollen Leben zum erstenmal das Grausen be-
fallen. Als junger Mensch von 21 Zahren war er Anno 1579 auf Pfalz-
graf Zohann Kasimirs berühmte Kapitulation hin mit dem großen Wal-
lonenzug aus Schönau bei Heidelberg ausgewand-ert, und nun wütete seit

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