Lanckoroński, Karl [Editor]
Der Dom von Aquileia: sein Bau und seine Geschichte — Wien, 1906

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1224,1226 und 1300 wird der Hochaltar urkundlich erwähnt als altare Sanctae Mariae.1)
An besonderen Festtagen wurde er feierlich geschmückt,2) wobei die Feste der Mutter Gottes
in dieser Marienkirche naturgemäß stark betont erscheinen.3)
Madonna Die Marienverehrung erhielt im Dome eine neue Anregung, nachdem im 12. Jahrhundert

anAquiieja. ^ iombardisch = friaulische Kunst zu blühen begann. Eine hervorragende Schöpfung der-
selben, eine marmorne Marienstatue, sollte zum Gnadenbild des Patriarchendomes und einem
seiner merkwürdigsten Kunstschätze werden. Ob sie schon vor dem Jahre 1224 dort verehrt
wurde, ist ungewiß, denn das in diesem Jahre gestiftete sechsfache Vermächtnis könnte sich
auf den Hochaltar «S. Mariae in Aquilegia» überhaupt bezogen haben.4) 1397 wurde aber die
Aufstellung eines silbernen Gehäuses über dem Hochaltar für unsere Statue beschlossen, wahr-
scheinlich im Zusammenhang mit dem wunderbaren Vorgang, der am Karfreitag 1387, nach
dem Berichte des Candidus, ein hilfesuchendes Mädchen gerettet haben soll.5) Wenn die Statue
bis zu diesem Jahre nicht in der Fensternische über dem Hochaltare aufgestellt war, kam sie
sicher jetzt dahin.

Um diese Zeit wurde also das «Silbergehäuse von wunderbarer Schönheit» «vor, über und
um das Bild herum» bestellt und dazu sollten silberne Votivbilder, Opfergeld sowie eine vom
Kapitel selbst aufzubringende Summe und noch Spenden Anderer bis zur Höhe von 600 Gold-
dukaten verwendet werden.6) Im Jahre 1403 langte das Rahmenwerk ein, das aus vier Stücken
bestand, offenbar zwei Seitenteilen, einem unteren Abschluß und einer Krönung (capitellum)
mit einem wahrscheinlich in Silber getriebenen Engel.7)

Über dem Patriarchensitz und hinter dem alten Hochaltar, wahrscheinlich einem Zibo-
rienbau, war die Gnadenstatue dadurch immer mehr als palladium der Kirche ausgezeichnet.
Eine Unzahl von teilweise sehr kostbaren Kleidern (vestes) für die Mutter wie das Kind
werden angeführt, dazu 1409 eine vergoldete Silberkrone, während das Rahmenwerk 1485

der allgemeinen Reliquienkammer aufbewahrt, cf. Inv. C, 1358 — 78,
S. 5: in una capsa de arcipresso corpus S. Quirini episcopi et mar-
tyris und ibid.: in una capsa de pecio corpus S. Marci papae. 1524
sind dann beide Reliquien in je einer der Holzkassetten. Auf Fer-
rante, Piani, S. 58 f. geht der Irrtum zurück, die Stelle aus der obge-
nannten Inschrift auf die beiden, jetzt neben dem Chore stehenden
Monumente zu beziehen, als wären diese die Markus- und Quirinus-
Sarkophage. Siehe Abbildung S. 10 f.

1) Bianchi, Docum. regesta, S. 33, ad ann. 1224 und Atti e me-
morie (Istr.), Bd. VIII, S. 41; Kandier, Cod. dipl., Bd. II, ad ann. 1300,
1. Aug.: Es kam Frater Petrus als Gesandter des Bischofs von Pa-
renzo, um im Namen desselben die Visitatio zu machen: veniens per-
sonaliter ad dictam Ecclesiam Aquilejensem ... et accedens ad sedem
Patriarchalem tetigit eam et circuivit altare et posuit super altare
quasdam literas aportatas . . .

2) De Rubeis, Dissertationes duae, S. 252, bringt solche Fest-
angaben aus der Mitte des 13. Jahrhunderts, wobei auch der höhere
Festaufwand für den Himmelfahrtstag die S. 116 erwähnten Zweifel
Benedikts XIV. lösen könnte, ob als Titel eher dieser oder Mariae Geburt
gegolten habe. Etwas rätselhaft ist die Vorschrift: Septem candelabra
ponantur ante altare. An minderen Festtagen kommen drei oder zwei
candelabra ante altare, was also die eigentlichen Altarleuchter nicht
bedeuten kann.

3) Über die Möglichkeit eines altchristlichen Marientitels, viel-
leicht auch eines marianischen Altar-, respektive Apsisbildes vor Poppos
Kirchenbau vgl. S. 56 f., 74, 97, 2.

4) Bianchis Regesten in Documenta, ad ann. Über den Kirchen-
schatz von Aquileja ist eine Reihe interessanter alter Verzeichnisse,
die bis ins 14. Jahrhundert zurückgehen, überliefert:

A. 1350, 20. Juni. Nachlaß des Patriarchen Bertrandus. Joppi, Archivio

storico per Trieste, 1' Istria ed il Trento, 1883, vol. II, fasc. 2
—3, S. 9 (zitiert nach dem Separatabzug). Für den Kirchen-
schatz von geringer Bedeutung.

B. 1359, 20. Dezember. Nachlaß des Patriarchen Nikolaus von Luxem-

burg. Einige Objekte ausdrücklich als Kircheneigentum an-
gegeben. L. c, 1881, vol. I, S. 7 ff. Kapitel-Archiv Udine.

C. Zw. 1358—1378. Aus dem venezianischen Staatsarchiv, sehr aus-

führlich. L. c, 1885, vol. III, S. 2 ff.

D. 1407, 15. Februar. Mit Gewichtsangaben. Verloren, erwähnt von

Joppi, 1. c, 1883, vol. II, S. 11.

E. 1408, 11. Jänner. Hauptsächlich Bücher und Paramente betreffend.

Joppi, 1. c, 1882, vol. II, S. 3 ff.

F. 1409, 17. Mai. L. c, 1883, II, S. 7. Bibl. civ. Udine.

G. 1418, 29. Mai. Nicht publiziert. Erwähnt 1. c, S. 3.

H. 1446, 22. April. Rotulus Reliquiarum Sanctorum, publiziert von Ber-

toli, Antichitä I, S. 366.

I. 1452, 21. Dezember. Nach Joppi, 1. c, ohne besonderes Interesse.
K. 1461, 19. Mai. Ebenso.

L. 1472, 7. April. Nach C und H bezüglich der Metallparamente das

ausführlichste Inventar. L. c, S. 10 ff.
M. 1485, 30. September. Notarieller Akt, gelegentlich der Übertragung

nach Cividale wegen der Türkengefahr. L. c, S. 12 ff.
N. 1497, 15. April. Besonders Textilien ohne die Reliquien. L. c, S. 15.
O. 1524, 12. November. Der Schatz bereits inter claustra ferrea in

sanctuario sub confessionali. L. c, S. 19 ff.
P. 1526, 14. März. Nur die Gegenstände aus der oberen Sakristei.

L. c, S. 21 ff.
Q. 1570, 12. Februar. Joppi, Basilica, S. 61 f.
R. 1751. Siehe oben S. 117.

S. Gedrucktes Transportinventar von 1753, bei den im Dome von
Görz aufbewahrten Reliquiarien.

5) Candidus, Commentaria, Lib. VII, S. 65, erzählt, daß unter
dem Patriarchate Philipps von Alencon Facino Cane mit seinen Söld-
nern am Karfreitag die Kirche von Aquileja schändete. Ex his com-
pluribus cum impiissimus quidam sub sacra virginis statua virgun-
culam, quae cum caeteris Deiparae opem imploraverat comprimere
conaretur; aliique pari modo nefandissima quaeque patrarent; simu-
lachrum illud quasi populo subiratum ultro humeros et pium pectus,
unde Christus redemptor lac suxerat, cervicemque averso ore torvo-
que, quo adhuc perstat supercilio detorsit, statimque flagitiosissimus
ille, qui stuprum et vim inferre tentabat, caecitate percussus corpore
aruit, exauditaque puella alienam libidinem impolluta evasit. Es folgt
daraus, daß diese Statue eine säugende Madonna mit eigenartiger
Kopfhaltung darstellte.

6) Joppi (Delib. cap. Aquil., vol. I, 13) in Archivio storico, 1883,
vol. II, fasc. 2—3, S.-A. S. 12. 27. April 1397: • • • ante supra et circha
imaginem beatissimae Virginis Marie, que est supra altare maius Ec-
clesiae Aquilegensis unum pulchrum opus de argento sive taberna-
culum miro et pulchro opere . . .

7) Inv. F (1409). Tres pecie ancone argentee B. Virginis cum
capitello cum uno Angelo.

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