Rudolph Lepke's Kunst-Auctions-Haus <Berlin> [Editor]
Gemälde alter Meister: Sammlung aus dem Nachlass Emil Goldschmidt, Frankfurt a.M. ; Versteigerung: Dienstag, den 27. April 1909 (Katalog Nr. 1547) — Berlin, 1909

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Von den Genrestücken ist das figurenreiche Wirtshausbild eine charakte-
ristische Arbeit Jan Miense Molenaers (Nr. 65), die Marktszene eine be-
sonders gute LeistungBrekelenkams, inwarmer, rotbraunerTönung (Nr.71).
Jan Steen entfaltet seine witzige und schlagfertige Erzählerkunst mindestens
in zwei echten Schöpfungen, dabei dem durch Umfang und Reichtum der
Komposition hervorragenden Bauerntanz (Nr. 38 und 67). Das unter Nr. 28
verzeichnete genrehaft gruppierte Familienporträt fesselt den Kunstfreund
nicht weniger als den Bilderkenner. Der Name Ter Borch wird auf Wider-
spruch stossen, wenngleich die Leistung dieses grossen Meisters durchaus
nicht unwürdig erscheint. Vielleicht ist Jakob van Loo der Autor, ein vor-
trefflicher, noch wenig bekannter Holländer, der oft mit Thomas de Keijser
verwechselt worden ist.

Die Stilleben von mehreren Hauptmeistern dieser Gattung, von PieterClaasz
(Nr. 73), Heda (Nr. 31), dem seltenen Jan van de Velde (Nr. 44) und
Cornelis de Heem (Nr. 50) werden in ihrer schlichten Sachlichkeit leicht
verständnisvolle Liebhaber finden.

Aus der kleinen Zahl vlämischer Gemälde des 17. Jahrhunderts hebt
sich in kraftvoller Körperlichkeit das Genrestück von Jakob Jordaens
hervor (Nr. 53).

Die fast ausnahmslos gut erhaltenen und kunstgeschichtlich bemerkens-
werten primitiven Tafeln, also niederländische und deutsche Werke aus
dem 16. Jahrhundert, verdienen eingehende Beachtung. Der „Meister der
weiblichen Halbfiguren", der um 1520 in den Niederlanden arbeitete, hat
nichts Besseres geschaffen als die Lucretia hier (Nr. 24). Die sanfte Manier-
lichkeit, die dem Gegenstande nicht angemessen zu sein scheint, ist charakte-
ristisch für den höfischen Maler. Öfter verwechselt mit dem „Meister der
weiblichen Halbfiguren" wird jener etwa gleichzeitige Meister, für den der
Name „Meister mit dem Papagei" im Aufkommen ist, und der in dieser
Sammlung mit einer Magdalena erscheint (Nr. 33). Ganz ähnliche Magda-
lenen von derselben Hand sind im Pariser und Berliner Privatbesitze zu
finden. Ein Meisterstück aus Cranachs mittlerer Zeit (von 1525 etwa) ist
die graziös bewegte Venus (Nr. 48).

Mit diesen Notizen ist der Reichtum der Sammlung nicht umschrieben,
geschweige erschöpft. Der Kunstfreund wird die unerwähnt gebliebenen
Bilder nicht übersehen und überall echte und gesunde Hervorbringungen
der alten Malkunst antreffen.
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