Die Leuchtkugel: Kriegs-Lager-Zeitung — 1.1918

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Englische Polilik

Von Oberk'utinint Fabcr.

Jmmer uud imnter ivieder schreit Eugland iu die Welt,
daß es dcr Freuud uitd Beschützer der kleiuen Bölker sei. Au-
dächtig uud gläubig beten das nichk bloß Englands Verbüu-
dete nach, sonderu auch die wcnigeu Neutraleu, die es noch
gibt.

Keunt deun die Welt Englands Geschichte rlicht?

Seit dem 10. Jahrhundert hat Englaud dcu größteu Teil
der Erde nnterjocht uud sich zum Herru der Mecre gesetzt.
„England beherrsche die Wellen," so singt es in seiuem Na-
tionallied. Den Holländern hat England deu größten Teil
ihres Kolouialreiches geraubt: das Weltreich Cpauieu wurdc
von Euglaud vernichtet; mit Frankreich hat Euglaild Iahr-
hunderte lang Krieg geführt und nicht geruht, bis diescs Land
zu Boden geworsen war. Das Blut, das sechs Jahrhun-
derte lang zur größeren Ehre Englands iu Jrland geslossen
ist uud noch fließt, schreit zum Himmel. Portugal, Grie-
cherlland, Rußlaild, die Türkei, Persieu, Indieu, Chilla,
Amerika, Aftika, Australien — alle habeu sie die euglische
Eroberersaust gespürt, uud mit Ausuahme der Türkei han-
delu auch jetzt noch alle uuter euglischem Zwange.

Nud trotzdcm kann Englaud iu die Welt rufeu uud
sagen, es kämpse für dic Freiheit dcr Bölker? Uud es ant-
wortet ihm nicht ein Hohngelächtcr uud eiu Wutschrei der
ganzen Welt?

Sino nicht die Leideu dcr Jrländcr, dcr Bureil, der
Inder, der Acgypter in ganz srischer Erinueruug? Hat es
nicht Griechenlaud in den Krieg gestoßen llud jetzt cben den
Holländcrn den Fuß in den Nackell gesetzt?

Englaud kämpft sür die Freiheit der Völkcr?

Seit die Welt steht, hat es kcine uuverschäultere Lüge
gegeben; llud seit die Welt steht, ist nichts Uusiuuigeres ge-
glaubt worden. Das ist einc überaus beschämeude Tatsache
für das Wahrheitsgesühl der Völker.

Deu nlanigfacheu Gründen, die dies zuwege gebracht
haben, soll hier nicht nachgegaugen werden. Nur eius will
ich heraus greifen.

England hat es von jehcr verstauden, all seiuem Tun
einen dicken moralischen Mantel umzuhängen; uud vou jehcr

hat es die edelstcu Beweggrüllde für all seiue Handluugeu
iu die Welt hiuausposaunft cs hat von jcher iu rücksichls-
loscstem Eigeuuutz nud iu rücksichtslosester Selbstsucht gehau-
delt, aber der Mund sciner Miuistcr uud Diplomateu tross
von edelstcm Wohlwollen sür die Bölier. Als Beispiel grcise
ich heraus das Berhalten Euglands bei der Grüuduug des
Verciuigtcn Köuigreichs der Nicderlande, ivic es Treitschlc
iu seiner deutscheu Geschichte schildert.

Es haudclte sich darum, das Gebiet dc's heuligeu Belgien,
das vor der französischeu Revolutiou iu der Hauptsache zll
Deutschlaud (Oesterrcich) gehört hatte, vou Deutschlaud los-
zulösen itnd zu Hollaud zu schlageu. Das war vor ctwas
übcr 100 Iahreu, bcim Friedeusschlusse uach deu Besreiuugs'
kricgeu.

Treitschke sagt: '

„Der Gedaukc lag iu der Lnft, er ergab sich vvu sell-st
aus dem Jdeeugauge jener alteu diplomatischeu Schuie, die
ohne Vcrständnis sür das historische Lebeu ihre Staaieil-
gebilde allein ilach den Rücksichteu der geographischeu Lage
und Abrundung zurecht zu schueideu Pslegte. Mit Eiser uahm
die euglische Handelspolitik jetzt den alteu Gedaukeu auf. Die
Briten hatten das Holländische Kol 'uialrcich erobert und lvoll-
ten aus der reichen Beute, die sür die iudische Herrswaft tvich-
tigstcn Plätze, Eehlon uud das Kap, mitsamt der holläudi-
schen Flottc und eiuem Teile vou Guyaua, behaltcn. Nach
den Auschauuugeu des 18. Jahrhuuderts war das hcrrenlose
Teutschlaud sclbstverständlich verpflichtet, deu Holläudcru die«
seu Verlust zu crsctzen^ die Befcstiguug der eliglischen. See-
hcrrschaft solltc durch deu burgundischen Kreis des deuischen
Reiches bezahlt werden. klnd wie nun überall die gute alte
Zeit zurückzukehreu schieu, so lcbten auch die wilhelmimscheu
Ueberlieferuugen, die Eriuueruugen au das lauglebige Bünd-
uis der beiden Seemächte wieder aus. Eugland ged-achtc m
deu vcrstärkteu Niederlauden eineu zuverlässigeu Bundes-
genossen, in dem Autwerpener Hasen eiucil tvohlgedeckten
Brückeukopf für seine Festlandskriege zu siudeu; mau hofste,
durch die Verheiratuug des Erbprinzcu vou Oranicu mit de^
Erbin der englischeu Kroue diesen Buud noch sester zu b«tz
gründen. ^ (Fortsetzung solgl.)
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