Die Leuchtkugel: Kriegs-Lager-Zeitung — 1.1918

Page: 11 2
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/leuchtkugel1918/0086
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
redet jenes selige Zrttern, -as mit -en Lerchen in dcr Lust
flattert und zuckt, loh aufspritzt und hinsinkt, als kreise das
Connenblut schon tief in den Millionen schwingender Lüft-
atome.

Wie deutsch dies Land einst war! Des reden tausend
werkgewordene Zeugnisse der Vergangenheit, Kirchen, Häu-
fer und Schätze. Dort drüben, wenig Stunden Wcges nur,
liegt Antwerpen, und wie mir dieser Ge^anke aufzuckt, fällt
mir ein köstliches Büchlein ein, das ich in dienstfreien Stun-
den jüngst las: Meister Äbbrecht Türers „Tagebuch dcr nic-
derländischen Reise". Aus dem Juli 1520 sind die ersten
Aufzeichnungen. Ganz trocken fängts an: der Meister zählt
Wie ein sparsam bedächtiger Hausvater aus, wieviel Stüber
er für den frischgebackenen Weck bezahlt, wievicl Weitzpfennig
er kür den oder jenen Holzschnitt Lekommen, wen er „abkun-
lerfeit" und besucht. Tas geht so seitenlang. Abcr cn zwei
Stellen zuckt's durch, einmal mild wie Sonnenlicht, einmal
flanrnlenfressend und wild. Da sieht er die Pracht nnd Herr-
lichkeit, mit der Karolus Quint einreitet in Antorf, das
Malerauge, farbengierig, wird wach, und des Umzugs feier-
llich dunkle Pracht läßt ihn nickt los. Das leuchtet und bliht
regenbogensarben, trunknes Spiel unb Glücksbewußtsein
schauender Phantasie. Das andere Mal hört Dürer, Luther,
der Junker G'örg, in dem der Katholik den aufrechten mutigerr
Mann wertet, sei von strauchdiebigen Nittern gefangen. Das
Nßt in seiner Seele tiefstem Grund ein Nrgefühl gebären:
«r ahnt als Mann den starken, starren deutschen Mannesgeist
wit brüderlichem Sinn, und in flammeuden Worten befreit
«r sich von dunklem Zornbeben, ja, er schreit zu seinem Gott,
«icht sterben zu l-assen die Sucher der Wahrheit unter den
Menfchen!

Das schrieb Dürer auf dieser Erde — wie deutsch war
Ueses Land!

Im Qsten hängt sie goldenrot, die Sonncrrscheibe, er-
schimmernd grüßt die Welt sie in ihren tauscnd Kindern, in
den Blumen und Bäumen, den tauigen Schollen, dcm atmen-
den Gewässer — und wie die graue Nebslwcite vcrdampft,
-erfällt das. Wiesenrund, der Waldring in hundcrt cinzelne
Dunte, sprühende Bilder — rechts ist ein lustiges Wieseneckchr-n.
!inks eine Weidengruppe mit tänzelnden Fohlen, dort ein Ge-
höft mit voller Scheune, umhangcn von dunkelm Blattwerk.
Die große nebelblaue Einheit weicht dem Wechsel lieblickxr
Ausschnittc. und mit einem Mal taucht aus dem Bildcvbuch
Unserer Vorstellungen und Erinnerungen auf das Kapitel:
Mederland. Nicht das „internationale" ck ctricbe mod<'rner
^eit, abcr woh! das bunte Maskenspiel dcr Veraangenhcit.
Dort, hinter der Hcckentür, steht die schelmische Elizabetb, im
weißen, zicrlich geklöppelten Häubchen, das ein blaues Seidcn-
band ins blonde Haar bestet. M "ller Goldschmied hat die

Mittags. StimmungsbUd.

Schmnckplättchen getrieben, und ihr zugeflüstcrt: Mell du'S
bist, hab ich's Muster so sorglich geformt, min Teern! Und
Holztüffeln hat's auch an, das Mäuschen, staat und schmuck.

Drüben lugt ein Kirchlein aus dem Gemäuer — schorr
ist die slinke Törin Phantasie mit mir, dem Zaudernden,
Hand in Hand, auf den Marktplatz gesprungcn. Das ist der
wilde Vauerntanz. Ein Reigen, der hat's in sich, der ist das
Wirbelspiel tiefatmender Freuvc, und — hcidi! — saust crn
füllenwildcs Menschenhäuflein um Len Marktbrunneu: das
Mänulein drauf, im vrel zu schweren Harnrsch, lleckt gar ängst-
lich die Halparten dem Wirbel entgegen, um nicht i'.berflutet
und zerdrückt zu werden von dem reizenden Gelächter. Ein
stattlicher feincr Herr reitet dre Hauptstraße herauf — die
unschuldige Tollheit will schier verstummeu, da aber springt
der Reiter vou seinem starkmähnigen Tier, einem wahren
Bukephalos, und stürzt lachend in den Truoel. Nachher, als
er wieder zu Pferde sitzt, iu der Hand dcu goldbeschlogenen
Zügel, wischt er sich die Stirn, trinkt sich satt an dem Kelch
der Lebensfülle und jagt mit kurzem Schcnkeldrnck davon.
All die springenden Buben und Mädchen haben's »ne gemußt
und erfahren, daß ihren Reigenspaß mi: seinein göttlichen
Pinsel unsterblich gemacht hat: Rubens, der Evangelist irdi-
scher Schönhcit.

Jst das ein Marschieren d lrchs Gefild, derlei Gedanken
im Herzen, derlei Bilder im Aug! Das wird auch nicht an-
ders auf der Nast iu einem Pappelweg. zwischen zwei tief-
grünen Wiesen. Ctreckt sich neben den Gewcbren die Kom-
pagnie ins grüue Gras, zwcihuudert Köpfe starrcn in den
blauen Himmel, und nnr Herru Hauptmauns zaymer Fuchs
zottelt am Zügel des Pferdehaltcrs bedächtig und brav um-
her und läßt sich streichelu; dabei ninnnt e^ oie Liebkosungen
entgegen wie ein verdientcr und verw'ihnrer, bebrillter Ge-
heimer Rat.

Es wird wärmer. Am Rond der Tünen marschieren
wir entlang. Die sind stehengeblic^en aus rcner Zeit, da noch
eigcutümliche Mccrblumen wucherten, wo nun mühsam der
Ctrandhafer den Sand überkrustet, und wo Fische hier spiel-
ten, nnd das rauschende Meer.

Ia, du belgische Küste drüben, wie manchmal haben
wir, Verwandte und Freunde, an deiner Schönheit uns ge-
weidet, sind dnrch oen nasscn Sand gepans.ht, haben schüchtern
im Sonde Tierc und Menschen gcbildet, haben Mufcheln ge--
fucht und ihee Form bewundcrt, sind an den D inen cntlang
zur blauen He'de gepilgert, haben uns auf den lustigen Esel-
chen getumm K. den oroßen, braunen, netzenerfendcn Fischer-
kähnen nachgespäht, sind mit nassen Aug-'n den leuchtenden
Connenuntergängeu gcfolgt gingcn dem Uchtblitzei'den Frag-
und Antworispiel der Leuchttürme nach und jckäiiten das
Wunderwme Mecrleuchten in der Nacht, wenn Wellen
cintonig sch.lagen.

Auch das andere sahen wir, das bunts Getr'wbe auf ocnr
Dcich, Toilettenkriniskcams nnd Heirats natkt. das Zurschau-
stellen, das Kreischen und Fcilschcn, das tll<ck'am ndas
„Internationase" — es gellel ans uie Iwei Din^e bielten
wir be'onders beb' Dos Häuslein ein s dentschm Malers,
der in dcr Frcmde in aller Stille lem Terl an nch und lür
die dentsche Knnst ar^eitete, die Größ'rer ' »'b Kleinerer bc-
darf. um Wescnso"7?ruck nnseres dcntschcr: Wc.llens zu lein.
Dann aber jragen wir jenen Tag im H:r'cn, zn dem t^im
Sandburaenbau al'e deutschen Jungcn S>b'sie forwten. Wie
ists nnn'?

lleberall im lx'lgischsn Land liegen ou'ltausend deutsche
Soldaten, nnd nn'er Trnppenlager zaubert uns Stundc für
Stnnde nene BÜder ver's Ange. So lstanchcr alte Hclz-
schnitt zciat tausend Gerclte gespannt, Lagergassen rnd Fah-
ncn nnd Troß und Treiber; Landsknechtslledcr sind uns lieb
geworden. und jerws hornüberklungene geheimnisvolle Lcben
altcr Waffenlager hat sich in nichts geändert, trotz Fcldgrau

»
loading ...