Leuchtkugeln: Randzeichnungen zur Geschichte der Gegenwart — 1.1848

Seite: 139
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/leuchtkugeln1848/0149
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile

— -v—k>—D)^E 139 Ä->--»-- —

Gewissensangst einen blinden Feuerlärm, steht seine Retter
für Feinde an, und stürzt stch zum Fenster hinaus.

Wer sieht nicht den Sturz der alten Polizei versinnbild-
licht in Dunker's Sprung?

Metternich. So gibt es kein Mittel mehr, das
freie Wort uns vom Leibe zu halten?

Schnabel. Ein Spaziergang nach Sibiricn, meine
Herren! Jn Rußland stnd nun sämmtliche deutsche Zeitungen
verboten, damit ja kein warmerHauch unsrer Freiheit den
Eisthron des nordischen Sklavenbeherrschers gefährde.
würden Gesellschaft finden auf dem Wege, z. B. hier das

schwarze CabinetvonOester-
reich. — Sie brauchen nicht
besonders roth zu werden,
Herr Metternich! denn in
neuester Zeit gibt es leider
wcnig Cabinette, die nicht einigermaßen schwarz stnd.

Louis Philipp. Soll das vielleicht eine Anspielung
sein auf mich!

Schnabel. O Monsieur! Sie sind so unschuldig wie
Metternich. Hätten Sie nur wieder ein Cabinet, die Farbe
richteten Sie gerne nach der Mode ein. — Doch zur Sache,
diese Herren laufen alfo nach Rußland. Jn Oesterreich wird
nämlich kein Brief mehr heimlich erbrochen; dagegen hat die-
ses Gewerbe jetzt in Rußland einen neuen Aufschwung ge-
nommen, und diese Reisendcn begeben sich schlcunigst dahin,
um Arbeit zu bekommen.

Metternich. Da kehrt ja einer
von dem schwarzen Cabinet wieder zurück?

Schnabel. Er will das österreichi-
sche Preßgesetz mitnehmen, um, wenn es
allenfalls gar im „heiligen" Rußland auch einen Sturm
gäbe, den Russen den Mund damit zu stopfen. Allein
der gute Mann kommt zu spät! Das Preßgesetz wurde
indessen in Wien, wie ein Correspondent der Augsburger
Allgemeiuen Zeitung meldet, besonders von der studirenden
Jugend sehr „unfreundlich aufgenommen."

Louis Philipp. 2n andern Blättern stand aber doch,
daß dieses Preßgesetz, wie mein theurer Thron, feierlich ver-
brannt worden sei.

und Gränzwächter, die Zhr in kindischer Ernsthaftigkeit ihm
entgegenstellt. Sie sehen hier die ruffische Gränze, die von


Schnabel. Als ehemaliger
Diplomar müffen Sie doch wissen,
daß „feierlich verbrannt" zart aus-
gedrückt nichts anderes als „unfreund-
lich aufgenommen" heißt! Doch Sie
haben cin schwaches Gedächtniß und
haben sicherlich auch der 50 Miüionen
russischer Silberlinge vergessen, um
die Sie dem Czaaren die Freiheit
auszuliefern versprachen.

Louis Philipp. Herr! ich habe nicht allein solcheö
Sündengeld empfangen.

Schnabel. Jhr hofftct es gut anzulegen, und habt
es doch nur weggeworfen, freilich in anderer Weise als Zudas,
Euer Meister. Der Geist der Freihcit läßt sich so wenig aus
Flaschen ziehen als das Weltmeer, er spottet der Schlagbäume

Europa's

Kosakenhermetisch geschlossene, doch diebeflügclteFama trägt die
Kunde von der Auferstehung der Freiheit hinüber, die kein
russisches Ohr, bet Knutenstrafe, vernehmen sollte.

Metternich. Aber was soll nun jener Mann des
schwarzen Cabinets dem Czaaren für den Nothfall bringen?

Schnabel. Das neue preußische Preßgesetz, das die
übrigen deutschen Staaten als „Ausland" bezeichnet, deutsche
Blätter der Censur unterwirft, und dessen schöner §. 8 heißt:
„Es bleibt beim Alten!"

Metternich. Gott sei
Dank, daß dieses Wort noch
lebt! — Was gibt es denn
sonst gutes Altes in Preußen?

Schnabel. Hier das
königliche Verfassungspatent
vom 3. Februar des vorigen
Jahrs. Diese neue Antiguität ist zwar ohne Werth, allein
ich will sie doch als Curiosum aufbewahren, das für den
raschen Flug unsrerTage Zeugniß ablegen soll. — Als etwas
ganz Mtes wird nächstens auch die neue preußische Constitu-
tion erscheinen, die bereits seit so vielen Jahren vor der
Thüre steht, daß sie auf den Titel einer Neuigkeit gewiß
keinen Anspruch mehr macht. — Ferner sehen Sie hier dic
Leiche der heiligen Allianz in Spiritus.

Da dieser Bund der drei nordischen
Mächte den Getst aufgegeben, so hab' ich
ihn in Weir.getst gelegt, um ihn unsern
Enkeln als ein Stück „Erbweisheit"
aufzubewahren.

Mettcrnich. Haben Sie sonst gar
nichts Altes mehr, mein bester Herr von
Schnabel.

Schnabel. Jch verbitte mir jede
Uebrigens etwas sehr Altes ist es auch, daß Oldenburg noch
keine Constitution hat. Der Großherzog ist aber sicherm
Vernehmen nach nun ernstlichst damit beschäftigt, die Fcder
dazu zu schneiden. Mög' er eingedenk seineS weisen Wortes,
eine so wichtige Maßnahme „nicht übereilen!"

Prinz von Preußen. So
ist doch deutsche Besonnenheit noch
nicht ganz dahin!—Was macht denn
mein liebes Berlin?

Schnabel. Es erholt sich von
seincm letzten Fieber. Die gute Stadt
hat drei Enthustasmusanfälle glücklich
überstanden. Dcr erste Parorismus
war das Lisztfieber, das zweite das Lindfieber, uud das dritte
das Kaiserfieber. — Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht

Beleidigung! —

§




18*
loading ...