Lindau, Martin B.
Lucas Cranach: e. Lebensbild aus d. Zeitalter d. Reformation — Leipzig, 1883

Page: 190
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Iweiter Abschnitt. Fünftes Rapitel.

wittenberger Zeitgenossm, dessen Angaben hinsichtlich einiger der damaligen
Ereignisse, so weit sie die Ausartnng der Karlstadt'schen Partei betrefserg
um so glaubwnrdiger sein mögen, da der Verfasser nicht bloß Beobachter,
sondern auch Mithelfer war, wird das oben geschilderte Zusammentreffen
Luther's mit seinem Freunde Cranach und Christian mit Luther's erstem
Besuch in Wittenberg im November 1521 in Verbindung gebracht und in
einer von Ratzeberger's Bericht abweichenden Weise erzahlt. „Doctor MartinZ
heißt es dort, „ist im Advent letzt drey Tage heymlich zu Wittenberg ge-
west, wie ein Edelmann in einem Wappenrock, hat eben ein dicken partt
nber all sein mundt und wangen, das in erstlich sein allergehammeste
freundt nicht kandt haben, war zu einem goltschmidt kumen, und hat ein
gulden ketten verdingt, so denn zu lucas maller ein tasfel, also sein bossen
(Possen) getrieben u. s. w." Dann soll Lnther, wie in der Urkunde weiter
erzählt wird, dem Fürsten während seines heimlichen Aufenthalts in Witten-
berg im November 1521, der bekanntlich vorzugsweise der von den
Augustinern vorgenommenen Abschaffung der Messe galt, treulich gerathen
haben, er solle das Heiligthum (der Stiftskirche) zusammen in einen Kasten
schütten, nnd das Gold und Silber gemeiner Stadt und armen Haufen
zur Nutz und Förderung zuwenden, oder sein Gewissen werde ihn drängen
und nöthigen, wider den Fürsten zu schreiben, denn es sei seit viel hundert
Jahren kein christlicher Fürst in solche große Abgötterei gefallen u. s. w."^
Es ergiebt sich schon aus diesem Bruchstück der Urknnde, daß der Verfasser
die stille Billigung, die Luther den eingetretenen Ereignissen bis zu einem
gewissen Grade zuwendete, für seinen Zweck altzusehr ansgebeutet hat und
daß das Erzählte nnr wenig mit der Heimlichkeit übereinstimmt, womit
Luther diesen seinen ersten Besuch in Wittenberg ausführte. Vergleicht man
damit, was Luther selber über seinen heimlichen Besuch in Wittenberg im
November 1521 an Spalatin berichtet und was Mathesius davon er-
zählt, so gewinnt Ratzeberger's Bericht in seiner klaren Zusammenstellnng
der Umstünde wesentlich an Wahrscheinlichkeit und Glaubwürdigkeit?

i Diese tlrkunde „Zeitung aus Wittenberg, wie es anno 1521 vnd 22 als
Lutherus in lOuttuno war vnd Carlstett anfing zn stürmen, sey zngegangen," hat zuerst
Strobel in seinen „literar. Miscellaneen" 5. Sammlung S. 119 ff. mitgetheilt.

" Mathesius erzählt: „Er (Luther) nimbt jm ein reiß für vnd kommet gen
Wittenberg vngeferlich im November, vnd keret bey seim reyßgesellen, Ern Niclas
Amsdorff, ein, dahin er etliche seiner guten Freunde bescheiden lasset vnd wie er sich
etliche tag mit ihnen besprvchen vnd erfrewet hatte, zeucht er inn geheim wider nach
Wartburg. Mitler Zeyt kombt es durch ein Cantzleyschreiber auß, drum jn ein Fürst
vnd etliche grvße Frawen snchen, aber doch seiner nicht ansichtig werden können."
Mathesius, 4. Predigt von Luther's Leben.
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