Lindau, Martin B.
Lucas Cranach: e. Lebensbild aus d. Zeitalter d. Reformation — Leipzig, 1883

Seite: 199
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Holzschnitte und Portraitbilder (bis 1^523).

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Portrait mit der Jahreszahl 1523, das man wohl nicht mit Unrecht für
das Bildniß dieses Königs erklärt. Christian, der erste flüchtige und vom
Volke entthronte König der neueren Zeit, war eine interessante viel be-
sprochene Persönlichkeit jener Tage, in der Fremde ein Gegenstand der
Theilnahme, die er vielleicht durch sein Erscheinen in Wittenberg und
dnrch sein Jnteresse sür Luther zn erhöhen wußte, wührend daheim das
Blut noch rauchte, womit sein Weg zur Herrschast und sein Untergang
bezeichnet war. Es ist daher sehr erklärlich, daß Cranach die ihm so nahe
liegende Gelegenheit sich nicht entgehen ließ, dnrch Portraitirung seines
Gastes seine Galerie hervorragender Zeitgenossen zu vervollständigen, wenn
nicht der Flüchtling selber zu demselben Zwecke das Haus des berühmten
Künstlers gesucht hatteU

Äebentes Aapitel.

Luther und die Priesterehe. Flüchtige Nounen. Katharina von Bora
und ihre Familie. Bauernkrieg. Friedrich des Weisen Ende. Luther's
Hochzeit und seine Vertrauten: Bugenhagen, Cranach und Jonas.

§er Bann war gebrochen; die Klosterpforten öffneten sich, die Zellen
wurden leer; erst hatten einzelne Mönche und Nonnen zur heimlichen Flucht
gegriffen, bald waren ganze Convente auseinander gegangen. Wie die
Nachtvögel nach dem Lichte, so drängte sich die Schaar der ausgelaufenen
Mönche und Nonnen vorzugsweise nach Wittenberg, nm bei dem großen
Reformator, der das lösende Wort über die Klostergelübde gesprochen,
Schutz und Hilfe zu suchen. Der wach gewordenen Erkenntniß, daß es

i ,,O. M. Luther hatte eine Tasel, auf welcher gemahlet war, wie König Christian
ans Tänemark vertrieben war. Dasselbe Gemälde sah er lange an und sagte endlich:
Wiewohl es dem Könige zur Schmach und Schande gemacht ist, doch will ich es gerne
haben. Denn es giebt ein Exempel und lehret, daß Gott keinen Stolz noch Hoffart
leiden will, sondern stürzen, wie Maria im Magnificat singet: Er setzt die Gewaltigen
vom Stuhl (Luc. I, 52.) — Ferner ward Luther gefragt, ob der König von Dänemark
auf rechtliche Weise wäre vertrieben worden? Ob ihm recht geschehen wäre? Sprach
er: Man sagt, cr sei ein Tyrann gewesen, aber doch hat er nicht so gewütet, wie die
Bischöfe von ihm feindlich schreien. Er ist mehr aus Haß der Bischöse, denn aus rechten
billigen llrsachen vertrieben worden. Darum weil er jetzt höret, daß die Bischöfe gefangen
liegen, soll er seine Hände zusammen gefalten ausgehoben und gesagt haben: „Gott sey
gelobt, daß ich sehe, daß meine Widersacher zu Schanden sind worden, nun will ich.
mein Gefängniß gern dulden nnd leiden." rc. (Luther's Tischreden.)
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