Lindau, Martin B.
Lucas Cranach: e. Lebensbild aus d. Zeitalter d. Reformation — Leipzig, 1883

Page: 248
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/lindau1883/0266
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
248

>wkiter Abschnitt. Neuntes Rapitel.

nicht die Kluft des Argwohns zu überbrücken, die sich zwischen Kaiser und
Reich um des Evangelimns willen geöfsnet hatte; aber das Bewnßtsein
von der Gerechtigkeit ihrer Sache, das Vertrauen anf die gvttliche Kraft
des Evangelinms war zu mächtig, als daß selbst die der drohenden Gefahr
eines Verrathes am nächsten stehenden Häupter der protestantischen Partei,
Churfürst Johann und Landgraf Philipp von Hessen, lange hätten zögern
können, dem Ruse der neuen Entscheidung zu folgen. Schon zu Speier
hatte man sich den Boden geschaffen, auf welchem man fernerhin nnwandel-
bar zn fußen gedachte: „Wir gedenken mit der Gnade und Hilfe Gottes
bei dem zu bleiben, daß allein Gottes Wort und das heilige Evangelium,
altes und neues Testament in den biblischen Büchern verfaßt, lauter und
rein gepredigt werde, und Nichts, was dawider ist. Denn daran, als an
der einzigen Wahrheit und dem rechten Richtscheid aller christlichen Lehre
nnd Lebens, kann niemand irren und sehlen, und wer darauf bauet und
bleibet, der bestehet wider alle Pforten der Hölle, so doch aller menschliche
Zusatz und Tand fallen muß und vor Gott nicht bestehen kann." Aber um
dieser Entscheidung und dem möglichen Kampfe um dieselbe mit starker
Rüstung nnd geschlifsener Waffe entgegen zu gehen, erließ Chursürst Johann
an die Wittenberger Theologen, Luther, Melanchthon, Bugenhagen und
Jonas ein Rescript, wodurch sie aufgefordert wurden, die evangelischen
Hauptlehren iibersichtlich zusammenzustellen und sich spätestens bis 20. März
mit dem Ergebniß ihrer Arbell persönlich in Torgau einzufinden. Es läßt
sich denken, daß die Ankündigung des neuen Reichstags und die drohenden
Verhältnisse, die ihn veranlaßten, unter den Wittenberger Theologen und
ihrem ganzen Anhange eine nicht geringe Aufregung hervorriefen, aber in-
mitten derselben stand Luther auf's Nene mit dem unwandelbaren Ver-
trauen auf Gamaliel's Wort, das sich an ihm und seinem Werke bereits
so herrlich bewährt hatte. Zur festgesetzten Frist am 20. März erschien er
mit seinen drei Genossen in Torgau und legte dem Churfürsten sene
17 Artikel vor, die, nachträglich vvn Melanchthon auf der Reise nach Augs-
burg und in Augsburg selbek mehrfach ergänzt, erläutert und überarbeitet,
die unantastbaren, auf die Bibel begründeten Glaubensnormen der evange-
lischen Kirche geworden sind. Hierauf brach der Churfürst am 3. April
mit seinem Sohne Johann Friedrich von Torgau nach Angsburg aus; seine
Begleiter waren der Herzog Franz von Lüneburg, Fürst Wols zu Anhalt,
die Grafen Jobst und Albrecht von Mansseld, die churfürstlichen Räthe
Sebastian und Joachim Marschall von Pappenheim, Hans von Minckwitz,
Friedrich von Thum, Hans von Weissenbach, Ewald von Brandenstein,
Kunz Gozmann und mehrere andere sächsische Edelleute, vr. Martin Luther,
loading ...