Lübke, Wilhelm
Grundriss der Kunstgeschichte — Stuttgart, 1864

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ERSTES KAPITEL.
Die altchristliche Kunst.

1. Ursprung und Bedeutung.

Mitten im Schoosse der absterbenden antiken Welt regen sich die
Keime eines neuen Daseins. Das Christenthum beginnt unter Druck und
Verfolgung seine welterscliütternde Bahn, dringt mit seiner beseligenden
Wahrheit langsam aber unwiderstehlich in die Gemüther der Menschen
und schafft im Stillen einen neuen Kerngehalt des Daseins, der plötzlich
siegesgewiss hervortritt, sobald die morsche Schale des heidnischen Lebens
zerbricht und zusammenfällt. Wie diese neue Wahrheit in den Gemüthern
zu wirken beginnt, den vom Verfall antiker Herrlichkeit und der allge-
meinen Sittlichkeit bang bewegten Menschen die schöne Gewissheit der
Errettung und Erlösung gibt und im allgemeinen Euin die immer grösser
werdende Schaar der Glaubensstarken zu treuem Ausharren in Leid und
Tod ermuthigt, treibt unwiderstehlich der innere Drang der Seele die
Christen an, ihren Empfindungen einen Ausdruck zu geben, ihrer gottes-
dienstlichen Peier das Gepräge der Würde zu verleihen, in ihren Versamm-
lungsorten die frohe Gewissheit des neuen Bundes auch sinnbildlich zur
Erscheinung zu bringen, in den Gräbern geliebter Todten die Zuversicht
einer künftigen ewigen Vereinigung auszusprechen.

Lange bevor Constantin durch seinen öffentlichen TJebertritt das Christen-
thum anerkannte, hatte jenes innere Bedürfhiss der jungen Gemeinden
seinen Ausdruck in bezeichnenden Formen gefunden. Wie aber das ganze
Leben noch das Gepräge der Cäsarenherrschaft trug, so musste auch das
Streben nach äusserer Darstellung der neuen Gottesideen fürs Erste mit
den Formen vorlieb nehmen, welche die Kunst der heidnischen Zeit ihm
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