Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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Erstes Buch.

frühesten Cultur scheint die Stadt Babylon gebildet zu haben. Durch ihre
Lage am Euphrat, unweit des persischen Meerbusens, erhob sie sich und bald
zum Handels-Emporium für den Westen und Osten und vermittelte den Ver-
kehr zwischen den Völkern jenseits des Indus, den Bewohnern des Kaspischen
und denen des Mittelmeeres. Ihre mächtigste Nebenbuhlerin, durch Handels-
thätigkeit wie durch Kriegstüchtigkeit ausgezeichnet, war Niniveh, weit ober-
halb am Tigris gelegen.

Das Land. Durch die Beschaffenheit des Landes wurden die Bewohner schon früh
zur Culturentwickelung geführt. Mesopotamien, ein grosses alluviales Becken,
ist jährlichen Ueberschwemmungen ausgesetzt, sobald der auf Armeniens Ge-
birgen geschmolzene Schnee die ohnehin hohen Wasser des Euphrat über die
niedrigen Ufer austreten macht. Um diesen Uebelstand in einen Vortheil zu
verwandeln, baute das Volk ungeheuere Deiche, die dem Flusse als künstliches
Ufer dienen, Kanäle und Bassins, die den Ueberfluss des Wassers ableiten,
aufnehmen und befruchtend über das Land vertheilen sollten. Der Tigris da-
gegen, dessen reissend schnelle Strömung in der trockenen Jahreszeit Mangel
an Wasser erzeugte, wurde durch Steindämme, deren mächtige Ueberreste
noch jetzt Aufmersamkeit erregen, in seinem Laufe gehemmt. Gegen die Ein-
fälle der nördlich angrenzenden rauhen Bergvölker suchte man sich durch eine
hohe Mauer, die vom Euphrat bis zum Tigris das Land absperrte, zu sichern.
Nachrichten Weisen diese Unternehmungen, deren Spuren zum Theil die Jahrtausende
der Alten, überdauert haben, schon auf eine grosse Rührigkeit hin, so sind die Nach-
richten der alten Schriftsteller von der Grösse jener Städte, der Pracht und
der Menge ihrer Gebäude geeignet, diesen Eindruck bis ins Wunderbare zu
steigern. Babylon wurde in einem Umfange von 480 Stadien oder beiläufig
12 geographischen Meilen von Mauern umgeben, die bei einer Höhe von 50
bis 300 Ellen so breit waren, dass ein Viergespann auf ihnen bequem um-
wenden konnte. Wenn auch diese Grösse durch die weitläufige Bauart solcher
orientalischen Städte, die einen beträchtlichen Complex von Gärten in sich
schliessen, in etwas gemindert wird, so bleibt sie immerhin staunenswert!!
Tempel des genug. In der Stadt ragte unter den Prachtwerken der Tempel des Beins
Bel"b' oder Bai durch seine Kolossalität hervor, ein in acht Stockwerken sich ver-
jüngender Bau von quadratischer Grundfläche, der an der Basis an 600 Fuss
ins Geviert und eben so viel an Höhe mass. Eine Treppe zog sich um diese
acht Absätze herum und führte zu einem Tempel, der das oberste Geschoss
einnahm und goldene Statuen, sowie das Ruhebett und den goldenen Tisch des
Gottes umschloss. Eine Mauer von anderthalb Meilen im Umkreis diente dem
heiligen Tempelraum als Umfriedigung. Nicht minder bedeutend waren die
Paläste, beiden königlichen Paläste, deren jüngerer und prächtigerer dem grossen
Nebukadnezar seine Entstehung verdankte. Dieser König umgab auch die
Stadt mit einer dreifachen Mauer und führte das Wunderwerk derhän gen den
Hängende Gärten auf, welche die Sage mit dem Namen der Semiramis in Verbindung
oaiten. se(-z^ jn Wahrheit aber, so wird erzählt, baute der König dieselben seiner
medischen Gemahlin Nitokris zu Liebe, um ihrer Sehnsucht nach den heimi-
schen Gebirgen durch einen grossartigen Terrassenbau zu genügen.

Trümmer. Von diesen Werken ist Nichts erhalten als eine Reihe riesiger Schutt-
berge und wirrer Trümmerhaufen. Als Babylon durch Cyrus erobert worden
war, sank der frühere Glanz der Stadt schnell dahin. Xerxes zerstörte den
prachtvollen Tempel des Belus. Alexander der Grosse beabsichtigte ihn wieder
aufzubauen, aber sein Plan scheiterte an der Kolossalität des Werkes. Denn
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