Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

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ERSTES KAPITEL.

Die altchristliche Baukunst.

1. Allgemeines.

Der Fall der antiken Welt hat Nichts mit dem Untergange eines einzelnen verfall
Volkes zu schaffen. Er bedeutet nicht den Sturz eines politischen Systems, ‘Ahun™01'
sondern einer ganzen Weltanschauung. Daher ist er auch nicht aus äusseren,
selbst nicht aus vereinzelten inneren Gründen zu erklären. Das antike Leben
hatte seinen Kreislauf erfüllt, hatte auf allen Gebieten des Daseins seine Ge-
staltungskraft in umfassendster Weise geübt, hatte sein Wesen erschöpfend
ausgesprochen. Daher musste es absterben, daher mussten alle Versuche, es
noch einmal von Innen heraus zu beleben, fruchtlos bleiben. Der alte Glaube,
die alte Sitte war nur noch zum Schein vorhanden, und ihre völlige Auflocke-
rung durchbrach selbst die äussere Hülle. In dem dadurch erzeugten Zustande
tiefster Nichtbefriedigung, der jener antiken heitern Selbstgenügsamkeit schroff
entgegengesetzt war, griff man nach den Formen und Gebräuchen aller frem-
den, namentlich asiatischer Religionen, um die Leere des eigenen Bewusstseins
damit auszufüllen. Aber es blieb ein äusserliches Wesen, und in die Zweifel-
sucht, die Alles benagte, mischte sich in unerquicklicher Art ein neuer phan-
tastischer Aberglaube.

Wie jene innere Auflösung auf dem Gebiet architektonischen Schaffens Einwirkung
zu Tage trat, haben wir schon oben erfahren. Besonders war auch hier dietle&°nents'
Einwirkung orientalisch-üppiger Formen von entscheidender Bedeutung, und
Avie die römische Sitte nicht kräftig genug mehr war, fremden störenden Ein-
flüssen sich zu verschliessen, so konnte auch die Architektur der Umstrickung
weichlich ausschweifender Elemente sich nicht erwehren. Die glanzvollen
Römerbauten des Orients, namentlich jene oben erwähnten zu Balbek und
Palmyra, liefern dafür zahlreiche Belege.

Ein so zermürbter Bau wie der der antiken Welt, der bis in die tiefsten cimsten-
Grundvesten erschüttert war, vermochte eine neue EntAvicklung nicht mehr zu thr“^nd
tragen. Das Leben bedurfte eines neuen Fundaments, einer neuen Anschauung,
wenn es zu einem neuen kräftigen Gebäude sich erheben sollte. Eine solche
konnte nur in einer neuen Religion gefunden Averden, und daher trat das
Christenthum ausfüllend in die ungeheure Lücke des Bewusstseins. Aller-
dings wird auch der mit demselben parallel entstandene Islam hier zur Be-
trachtung kommen müssen, da er in verwandter Richtung an die Stelle des
Alten, Hingesunkenen trat. Allein in der Culturentfaltung überhaupt, wie
besonders in der Kunst, nimmt er doch nur eine untergeordnete Stellung ein,

Lübke , Geschichte d. Architektur. 14
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