Lübke, Wilhelm
Geschichte der Architektur von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart — Leipzig, 1865

Page: 270
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270

Viertes Buch.

Das

Acnssere.

Profavi-

bauten.

Mangel
geschicht-
licher Ent-
wicklung

schweiften Cursivbuchstaben ausgeftihrt wurden. Diese ganze Ornamentik,
aus Gyps oder gebrannten Thonplatten zusammengefügt, prangt obendrein im
Glanze lebhafter Farben und reicher Vergoldung, und erinnert durch ihren
phantastischen und dabei doch harmonischen Zauber an die Märchen von
Tausend und Einer Nacht. Um die Totalwirkung solcher Wanddecorationen
besser zu veranschaulichen, fügen wir auf umstehender Seite unter Fig. 191
eine Ansicht vom Löwenhofe der Alhambra bei, welcher das zierliche, reich
bewegte Spiel dieser graziösen Architektur in glänzender Entfaltung zeigt.

So reich das Innere ausgestattet ist — und vornehmlich kommt dieser
prächtige Schmuck in dem Heiligthum der Moscheen, und noch mehr in den
Palästen und Lustschlössern der Herrscher und Vornehmen zur Anwendung —
so gänzlich ohne alle Verzierung und Gliederung ist das Aeussere. Selbst
Fenster undThüren werden nur spärlich angebracht, und die monotone Mauer-
masse erhält höchstens durch eine Zinnenbekrönung und durch das weit vor-
tretende schattende Dach einen kräftigen Abschluss. Dieselbe Anlage, die auf
der Abgeschlossenheit des orientalischen Familienlebens beruht, wiederholt sich
auch an den für Privatzwecke errichteten Gebäuden. Doch werden wir eine
Gruppe von Bauwerken treffen, welche auch eine mehr künstlerische Durch-
bildung, eine lebendigere Gliederung des Aeusseren mit glücklichem Erfolg
angestrebt haben. Bei diesen findet sich dann auch eine kräftigere Anlage
des Ganzen, verbunden mit einem Pfeilerbau, der eine grossartig monumentale
Wirkung erzeugt.

In den Profanbauten, den Schlössern, Bädern, Wohnhäusern, gruppirt
sich, der morgenländischen Sitte des nach aussen abgeschlossenen, nach innen
sich in träumerischer Müsse ergehenden Daseins gemäss, die ganze Anlage um
einen mit Säulengängen umzogenen Hofraum. Springbrunnen verbreiten er-
frischende Kühlung, die man unter dem Schatten des weit vorspringenden
Daches mit Behagen gemessen kann. Am grossartigsten entfaltet sich diese
Bauweise an den Karawanserai’s, jenen ausgedehnten Herbergen des Mor-
genlandes, in welchen um einen geräumigen, mit Springbrunnen versehenen
Hof eine Menge von Gemächern, Hallen und oft prachtvoll geschmückten Sälen
sich reiht.

Dass die mohamedanische Architektur keine innere Geschichte haben
konnte, liegt in ihrem unorganischen Wesen schon begründet. Es fehlte ihr
nicht bloss die feste Grundform, an welcher sich eine genetische Entwicklung
hätte vollziehen können: es mangelte jenen Völkern auch an dem tieferen
Sinne für architektonische Gonsequenz, ohne welche es kein Baustyl zu einer
wahrhaften Fortbildung zu bringen vermag. Ihre schöpferische Genialität
bewährte sich nicht an dem Kern, dem inneren Gerüste der Architektur, son-
dern nur an der Schale, dem äusserlich Decorativen. Auf diesem Gebiete ist
allerdings Schönes und wahrhaft Bewundernswerthes geleistet worden; doch
blieb der Geist des Orients auch hierin, bei aller Beweglichkeit im Einzelnen,
bei dem mit dem zunehmenden Luxus steigenden Reichthum der Ausstattung,
im Charakter wesentlich unverändert. Dagegen liefern die Umgestaltungen,
mit welchen dieser Styl das von den unterjochten Völkern Aufgenommene sich
aneignete, der Betrachtung manchen anziehenden Gesichtspunkt. Wir verfolgen
desshalb die Thätigkeit der moliamedanischen Architektur in den verschiedenen
Ländern nach ihren hervorragendsten Erzeugnissen.


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