Cranach, Lucas [Editor]; Lüdecke, Heinz [Editor]
Lucas Cranach der Ältere: der Künstler und seine Zeit — Berlin, 1953

Page: 203
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Alles das war jetzt anders. Geld war wieder allgemeines
Austauschmittel geworden, und damit hatte sich seine Masse
bedeutend vermehrt; auch der Adel konnte es nicht mehr
entbehren, und da er wenig oder nichts zu verkaufen hatte,
da auch das Rauben jetzt nicht ganz so leicht mehr war,
mußte er sich entschließen, vom bürgerlichen Wucherer zu
borgen. Lange ehe die Ritterburgen von den neuen Ge-
schützen in Bresche gelegt, waren sie schon vom Geld unter-
miniert; in der Tat, das Schießpulver war sozusagen bloß
der Gerichtsvollzieher im Dienst des Geldes. Das Geld war
der große politische Gleichmachungshobel der Bürger-
schaft ...

Im fünfzehnten Jahrhundert war also die Feudalität in
ganz Westeuropa in vollem Verfall; überall hatten sich
Städte mit antifeudalen Interessen, mit eigenem Recht und
mit bewaffneter Bürgerschaft in die feudalen Gebiete ein-
gekeilt, hatten die Feudalherren teilweise schon gesellschaft-
lich, durch das Geld, und hie und da sogar auch politisch
in ihre Abhängigkeit gebracht; selbst auf dem Lande, da,
wo der Ackerbau durch besonders günstige Verhältnisse
sich gehoben, fingen die alten Feudalbande an, unter der
Einwirkung des Geldes sich zu lösen; nur in neueroberten
Ländern, wie die ostelbischen Deutschlands, oder in sonst
zurückgebliebenen, von den Wegen des Handels abgelege-
nen Strichen blühte die alte Adelsherrschaft fort. Überall
aber hatten sich - in den Städten wie auf dem Land - die
Elemente der Bevölkerung gemehrt, die vor allem verlang-
ten, daß das ewige sinnlose Kriegführen aufhöre, jene
Fehden der Feudalherren, die den innern Krieg permanent
machten, selbst wenn der fremde Feind im Lande war,
jener Zustand ununterbrochener, rein zweckloser Verwü-
stung, der das ganze Mittelalter hindurch gewährt hatte.
Selbst noch zu schwach, ihren Willen durchzusetzen, fan-
den diese Elemente einen starken Rückhalt in der Spitze
der ganzen feudalen Ordnung - im Königtum. Und hier ist
der Punkt, wo uns die Betrachtung der gesellschaftlichen
Verhältnisse zu der der staatlichen führt, wo wir aus der
Ökonomie übertreten in die Politik.

Aus dem Völkergewirr des frühesten Mittelalters entwickel-
ten sich nach und nach die neuen Nationalitäten, ein Pro-
zeß, bei dem bekanntlich in den meisten ehemals römischen
Provinzen die Besiegten den Sieger, der Bauer und Städter
den germanischen Herrn sich assimilierten. Die modernen
Nationalitäten sind also ebenfalls das Erzeugnis der unter-
drückten Klassen...

Daß in diesem allgemeinen Wirrwarr das Königtum das
progressive Element war, liegt auf der Hand. Es vertrat die
Ordnung in der Unordnung, die sich bildende Nation gegen-
über der Zersplitterung in rebellische Vasallenstaaten. Alle
revolutionären Elemente, die sich unter der feudalen Ober-
fläche bildeten, waren ebenso auf das Königtum angewiesen
wie das Königtum auf sie. Die Allianz von Königtum und
Bürgertum datiert aus dem zehnten Jahrhundert; oft durch
Konflikte unterbrochen, wie denn im ganzen Mittelalter
nichts stetig seine Bahn verfolgt, erneuerte sie sich immer
fester, immer gewaltiger, bis sie dem Königtum zum end-
gültigen Sieg verhalf und das Königtum seinen Verbün-
deten zum Dank unterjochte und ausplünderte.

Könige wie Bürger fanden eine mächtige Stütze an dem
aufkommenden Stande der Juristen. Mit der Wieder-
entdeckung des römischen Rechts trat die Teilung der Ar-
beit ein zwischen den Pfaffen, den Rechtskonsulenten der
Feudalzeit und den nicht geistlichen Rechtsgelehrten.
Diese neuen Juristen waren von vornherein wesentlich bür-
gerlicher Stand; dann aber war auch das von ihnen stu-
dierte, vorgetragene und ausgeübte Recht seinem Charak-
ter nach wesentlich antifeudal und in gewisser Beziehung
bürgerlich. Das römische Recht ist so sehr der klassische

juristische Ausdruck der Lebensverhältnisse und Kolli-
sionen einer Gesellschaft, in der das reine Privateigentum
herrscht, daß alle späteren Gesetzgebungen nichts Wesent-
liches daran zu bessern vermochten...

Wir sahen, wie der Feudaladel anfing, in ökonomischer Be-
ziehung in der Gesellschaft des späteren Mittelalters über-
flüssig, ja hinderlich zu werden; wie er auch bereits politisch
der Entwicklung der Städte und des damals nur in monar-
chischer Form möglichen nationalen Staats im Wege stand.
Trotz alledem hatte ihn der Umstand gehalten, daß er bis
dahin das Monopol der Waffenführung hatte, daß ohne ihn
keine Kriege geführt, keine Schlachten geschlagen werden
konnten. Auch dies sollte sich ändern; der letzte Schritt
sollte getan werden, um dem Feudaladel klarzumachen,
daß die von ihm beherrschte gesellschaftliche und staatliche
Periode zu Ende, daß er in seiner Eigenschaft als Ritter,
auch auf dem Schlachtfeld, nicht mehr zu brauchen sei...
Die Verbreitung der Buchdruckerkunst, die Wiederbe-
lebung des Studiums der antiken Literatur, die ganze
Kulturbewegung, die seit 1450 immer stärker, immer all-
gemeiner wird - alles das kam dem Bürgertum und König-
tum zu gunsten im Kampf gegen den Feudalismus.

Das Zusammenwirken aller dieser Ursachen, von Jahr zu
Jahr gekräftigt durch ihre zunehmende, mehr und mehr in
derselben Richtung vorantreibende Wechselwirkung auf-
einander, entschied in der letzten Hälfte des fünfzehnten
Jahrhunderts den Sieg, noch nicht des Bürgertums, wohl
aber des Königtums über den Feudalismus. Überall in
Europa, bis hinein in die entfernten Nebenländer, die den
Feudalzustand nicht durchgemacht, bekam auf einmal die
königliche Macht die Überhand... In ganz Europa gab es
nur zwei Länder, in denen das Königtum und die ohne es
damals unmögliche nationale Einheit gar nicht oder nur
auf dem Papier bestanden: Italien und Deutschland.

Handschriftliches Fragment aus dem Nachlaß, Entstehungs-
zeit unbekannt.

Friedrich Engels

Die erste bürgerliche Revolution

... Als Europa aus dem Mittelalter herauskam, war das
emporkommende Bürgertum der Städte sein revolutionäres
Element. Die anerkannte Stellung, die es sich innerhalb der
mittelalterlichen Feudalverfassung erobert hatte, war be-
reits zu eng geworden für seine Expansionskraft. Die freie
Entwicklung des Bürgertums vertrug sich nicht mehr mit
dem Feudalsystem, das Feudalsystem mußte fallen.

Das große internationale Zentrum des Feudalsystems aber
war die römisch-katholische Kirche. Sie vereinigte das
ganze feudalisierte Westeuropa trotz aller innern Kriege
zu einem großen politischen Ganzen, das im Gegensatz
stand sowohl zu der schismatisch-griechischen wie zur
mohammedanischen Welt. Sie umgab die Feudalverfassung
mit dem Heiligenschein göttlicher Weihe. Sie hatte ihre
eigne Hierarchie nach feudalem Muster eingerichtet, und
schließlich war sie der größte aller Feudalherren, denn
mindestens der dritte Teil alles katholischen Grundbesitzes
gehörte ihr. Ehe der weltliche Feudalismus in jedem Land
und im einzelnen angegriffen werden konnte, mußte diese
seine zentrale, geheiligte Organisation zerstört werden.
Schritt für Schritt mit dem Emporkommen des Bürger-
tums entwickelte sich aber der gewaltige Aufschwung der
Wissenschaft. Astronomie, Mechanik, Physik, Anatomie
Physiologie wurden wieder betrieben. Das Bürgertum ge-
brauchte zur Entwicklung seiner industriellen Produktion
eine Wissenschaft, die die Eigenschaften der Naturkörper
und die Betätigungsweisen der Naturkräfte untersuchte.

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