Maeterlinck, Maurice ; Oppeln-Bronikowski, Friedrich von [Transl.]
Der Schatz der Armen — Florenz , Leipzig, 1898

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beweglich als die unsren, und wenn sie zufällig auf unsren Bewegungen
ruhten, Hessen diese ohne Grund nach, und ein unfassliches Schweigen
herrschte einen Augenblick. Wir drehten uns um: und sie betrachteten
uns und lächelten ernsthaft. Ich entsinne mich noch der Gesichter zweier
unter denen, die ein gewaltsamer Tod erwartete. Aber fast alle waren
furchtsam und versuchten, unbemerkt vorbeizukommen. Ich weiss nicht,
welche tötliche Scham sie hatten, und für welche unbekannte und zu-
künftige Verfehlung sie scheinbar um Verzeihung baten. Sie traten uns
entgegen, wir tauschten einen Blick aus, wir trennten uns, ohne etwas zu
sagen, und wir begriffen alles, ohne etwas zu wissen.

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s ist nur zu wahr, dass die Gedanken,
welche wir haben, den unsichtbaren
Bewegungen des inneren Bereiches
eine willkürliche Form geben. So
giebt es tausend und abertausend Ge-
wissheiten, welche die verschleierten
Königinnen sind,die uns durchsLeben
führen, und von denen wir doch nie
sprechen. Sobald wir etwas aus-
sprechen, entwerten wir es seltsam.
Wir glauben in dieTiefe der Abgründe
hinabgetaucht zu sein, und wenn wir
wieder an der Oberfläche auftauchen,
gleicht der Wassertropfen an unsren
bleichen Fingerspitzen in nichts mehr dem Meere, dem er entstammt. Wir
wähnen, eine Schatzgrube wunderbarer Schätze entdeckt zu haben, und
wenn wir wieder ans Tageslicht kommen, haben wir nur falsche Steine
und Glasscherben mitgebracht; und trotzdem schimmert im Finstern der
Schatz unverändert. Es giebt etwas Undurchdringliches zwischen uns
und unsrer Seele, und in gewissen Augenblicken, sagt Emerson, „kommen
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