Maeterlinck, Maurice ; Oppeln-Bronikowski, Friedrich von [Transl.]
Der Schatz der Armen — Florenz , Leipzig, 1898

Page: 63
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s giebt eine alltägliche Tragik, die
viel wahrer und tiefer ist und unserm
wahren Wesen weit mehr entspricht,
als die Tragik der grossen Abenteuer.
Sie ist leicht zu empßnden, aber schwer
darzustellen, da diese wesentliche
Tragik weder einfach körperlich oder
seelisch ist. Es handelt sich hier nicht
mehr um den beschränkten Kampf
von Wesen gegen Wesen, von Wunsch
gegen Wunsch, noch um den ewigen
Kampf von Pflicht und Leidenschaft.
Es handelt sich vielmehr darum, das
Erstaunliche in der einfachen That-
sache des Lebens darzustellen. Es handelt sich darum, das auf-sich-selbst-
Beruhen einer Seele inmitten einer stetig eingreifenden Unendlichkeit
darzustellen. Es handelt sich darum, oberhalb der gewöhnlichen Zwie-
sprache zwischen Vernunft und Gefühl die feierliche und ununterbrochene
Zwiesprache zwischen dem Wesen und seinem Schicksal darzuthun. Es
handelt sich darum, uns den zögernden und schmerzvollen Schritten eines
Wesens nachgehen zu lassen, das sich seiner Wahrheit, seiner Schönheit
oder seinem Gotte nähert oder davon entfernt. Es handelt sich auch
darum, uns tausend ähnliche Dinge, welche die tragischen Dichter uns
nur im Fluge haben erhaschen lassen, darzustellen und verständlich zu
machen. Aber dies ist der wesentliche Punkt: Könnte man nicht ver-
suchen, was sie uns nur im Vorübergehen haben erhaschen lassen, vor
dem Übrigen darzustellen? Was man zum Beispiel unter König Lear,
Macbeth und Hamlet versteht, das geheimnisvolle Lied des Unendlichen,
—^ das Schweigen, welches Götter und Seelen bedroht, die Ewigkeit, die
Qä am Horizonte rauscht, das Schicksal oder Verhängnis, das man innerlich
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