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Bruckschen, Martina
Materialhefte zur Ur- und Frühgeschichte Niedersachsens (Band 33): Glasfunde des Mittelalters und der frühen Neuzeit aus Braunschweig: Bedeutung, Verwendung und Technologie von Hohlglas in Norddeutschland — Rahden/​Westf.: Verlag Marie Leidorf, 2004

DOI Page / Citation link:
https://doi.org/10.11588/diglit.68703#0043
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Glashüttengrabungen im Spessart belegen auch
in dieser Region die Fertigung von Hohl- und
Flachglas im 12. und 13. Jahrhundert.118
Weitaus umfangreicher sind die Quellen zur früh-
neuzeitlichen Glasproduktion im 16. und 17. Jahr-
hundert in diesen Gebieten, für die eine Vielzahl
an Hüttenstandorten nachgewiesen werden
konnte. Im Gegensatz zur frühen Produktion sind
mit diesen Glashütten wesentliche Aufschlüsse
über das Spektrum der Erzeugnisse gewonnen
worden, das ausschnitthaft für Glashütten in Thü-
ringen119, Hils120, Harz (Rempel u. Jörn 1987) und
aus dem Kaufunger Wald (König u. Stephan
1987) vorgestellt worden ist. Vergleichsmöglich-
keiten bieten die erzielten Ausgrabungsergebnisse
aus süddeutschen Glashütten des Spätmittelalters
und der frühen Neuzeit121 sowie aus Sachsen
(Haase 1990, 373ff.).
Neben den Ausgrabungen deutscher Produkti-
onsstätten liegen Untersuchungen zur mitteleuro-
päischen Glasherstellung verschiedener Länder
vor, unter denen die böhmische Forschung einen
sehr fortgeschrittenen Bearbeitungsstand vor-
weist. Die Glasproduktion in Böhmen und Mäh-
ren ist archäologisch seit der zweiten Hälfte des
13. Jahrhunderts faßbar und erlebte insbesondere
im 14. und 15. Jahrhundert einen erheblichen
Aufschwung.122 Während des weiteren für Süd-
frankreich123, England124 oder Polen125 erste Er-
gebnisse zu regionalen Herstellungsorten vorlie-
gen, sind für weite Gebiete des übrigen Europas
nur sporadische Untersuchungen erfolgt.126

Durch die noch sehr lückenhaften Kenntnisse
über Herstellungsorte sowie Art und Umfang ih-
rer Produkte müssen Fragestellungen hinsichtlich
der Entstehungsgebiete der Funde aus dem Kon-
sumentenmilieu weitgehend offen bleiben. Dieses
Forschungsdefizit trifft insbesondere auf mittelal-
terliche farblose Glasformen mit geographisch
weit gestreutem Verbreitungsbild zu. Im Mittel-
punkt der kontrovers geführten Diskussion über
die Herstellungsgebiete dieser gehobenen und lu-
xuriösen Gebrauchsgläser steht die Fragestellung,
ob es sich um importierte Produkte aus venezia-
nischen bzw. venezianisch beeinflußten Glashüt-
ten des Mittelmeergebietes und des Nahen Osten
handelt oder ob eine Herstellung von Glasgefä-
ßen aus entfärbter Glasmasse auch in cisalpinen
Produktionsgebieten in Betracht zu ziehen sein
könnte.127
Insbesondere für diese Fragestellung gewinnen
die intensivierten naturwissenschaftlichen Unter-
suchungen der Glasgrundbestandteile von Pro-
duktionsresten diverser Glashütten128 sowie vor-
rangig der Glasfunde im Konsumentenmilieu un-
terschiedlicher Zeitstellung an Bedeutung. Dabei
werden eine Unterscheidung der Hauptglasarten
(Natron,-Kalium-, Bleigläser etc.) für eine korrek-
te Materialansprache sowie Aufschlüsse zur tech-
nologischen Fertigungsweise der Gläser ver-
folgt.129 Derartige Analyseergebnisse von Glas-
funden des 13. bis 17. Jahrhunderts liegen bisher
für verschiedene Fundorte130 in Deutschland so-
wie als Bestandteil der Glasforschung mitteleuro-
päischer Länder vor.131 Darüber hinaus werden

118 Wamser 1984; Boss u. Wämser 1984.
119 Lappe 1983; Lappe u. Möbes 1984; diess. 1992; Gühne 1983.
120 Leiber 1994; Lehmann 1992.
121 Gai u. Scholkmann 1992; Lang 1985; ders. 1986, ders. 1991; ders. 1992; Tochtermann 1979; Prohaska 1990, 365ff.; Baum-
gartner u. Krueger 1988, 37f., Gai u. Bienert 1994; Bienert u.a. 1992; Bienert u.a. 1993; Bienert u. Gai 1993; Arnold 1991.
122 Cerna 1987; dies. 1990; dies. 1991; dies. 1992, dies. 1993; dies. 1995a; dies. 1996b; Hejdovä u. Nechvätal 1970; dies. 1975,
550f.; Hejdovä u.a. 1983.
123 Barrelet 1953; Foy 1981; dies. 1988; Foy u. Sennequier 1989; Jannin 1980; ders. 1990; Lambert 1983.
124 Kenyon 1967; Crossley 1990a; Blair u. Ramsay 1991.
125 Olczak 1968; ders. 1987; Rubnikowicz 1990.
126 Mehr oder weniger umfangreiche Ergebnisse zur Glasproduktion liegen für Österreich (Schwanzar 1993; Felgenhauer-
Schmiedt 1994a; dies. 1994b); Ungarn (Gyürky 1989), Griechenland (Davidson-Weinberg 1975; Whitehouse 1993), Bal-
kan (Han 1975, 119ff.; dies. 1981, 198), Italien (Whitehouse 1981, 165f.; Mendera 1990), Belgien (Chambon 1955; Terlin-
den u.a. 1981; Engen 1989), den Niederlanden (Henkes u. Stam 1988) und England (Kenyon 1967, 12ff; Charlston 1980b,
70; ders. 1984a, 29; Frank 1982, 95-120; Crossley 1990), Dänemark (Jexlev u.a. 1970, 30ff.; Schlüter 1981, 235); Schweden
(Polak 1975); Norwegen (Polak 1975); Finnland (Vanhatalo u. Matiskainen 1986; Matiskainen 1992) vor. Weitgehend un-
erforscht ist die mittelalterliche und neuzeitliche Herstellung von Glas in der Schweiz (Meyer 1977, 176ff.; Schneider 1980,
228; Kamber 1995, 84f.; Glatz 1991, 74ff.) und Spanien (Isings 1966, 43).
127 Vergleiche zur Diskussion Baumgartner u. Krueger 1988, insbesondere 13ff.; Baumgartner 1993 sowie Pause 1996.
128 Hartmann 1994; Barrera u. Velde 1989; Lang 1991; Wegstein 1996; Stephan, Wedepohl u. Hartmann 1989; dies. 1994a;
Hartmann u. Römer 1993; Six 1976; Six u. Mader 1989.
129 Henderson 1998; Veritä 1995; Freestone u. Bimson 1995; Wedepohl, Krueger u. Hartmann 1995; Henkes u. Veeckman
1999; Henkes u. Henderson 1998; Wegstein 1996; Ulitzka 1994 sowie Kuisma-Kursula 1997.

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