Mayer, August Liebmann ; El Greco
El Greco — Berlin: Klinkhardt & Biermann, 1931

Page: 145
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/mayer1931/0157
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
3.DER GRIECHEVON TOLEDO
Greco ist eine der eigenwilligsten Künstlerindividualitäten, welche die Kunst-
geschichte kennt. Bis in die neueste Zeit wird man vergeblich nach anderen Persön-
lichkeiten suchen, die derartig den Betrachter in ihre höchsteigene Welt zwingen, die
vom Beschauer derartiges Eingehen auf ihre höchstpersönlichen Intentionen verlan-
gen. Weder der greise Tizian, noch der späte Michelangelo, auch nicht der gewiß
höchst eigenwillige späte Rembrandt stellen derartige Anforderungen an uns. Gewiß,
der Greco ist heute modern, wir verstehen vieles leichter und besser als fast alle
Generationen vor uns. Gewiß auch wird vieles verständlich bleiben, aber es ist sehr
die Frage, ob das heutige Bekcnnertum zu Greco in einem Menschenalter noch eine
gleichgroße Gemeinde finden wird. Es handelt sich nicht darum, daß der Grieche wie
jeder bedeutende Meister seine eigenste Welt aufbaut und daß wir uns an seine
Schöpfungen gewöhnen müssen. Die Welt des späten Rembrandt ist wie die des späten
Goya so unendlich reich an höchsten menschlichen Werten und erschüttert uns im
Tiefsten. Die Welt des reifen oder gar des späten Greco ist künstlerisch, artistisch
ein erstaunliches, ein in des Wortes tiefstem Sinn wunder-volles Gebilde, aber in die-
ser sublimen Geistigkeit, in dieser artistischen Sublimierung ist die menschliche Atmo-
sphäre kaum mehr zu spüren: man wandelt in sehr dünner Höhenluft. Zweifelsohne
wird es wieder Zeiten geben, die bald nach dem „Begräbnis des Grafen Orgaz“ nicht
mehr auf den Bahnen des Meisters weiterwandeln wollen und nur die Porträts der
Spätzeit noch gelten lassen. Die künstlerische Anschauung Carl Justis, heute von
vielen belächelt, wird möglicherweise einmal wieder Geltung bekommen.
„Kreta gab ihm das Leben, Toledo die Kunst. Seine Eigenart werden noch die späte-
sten Geschlechter bewundern, keiner aber wird sie nachahmen!“ So ruft Paravicino in
seinem Sonett auf Grecos Tod aus. Ja, erst Toledo hat Greco seine Kunst ganz ge-
geben; denn er kam in die alte Kaiserstadt, die nur noch ein Schatten ihrer früheren
Herrlichkeit war und schon jenen eigenartig romantischen Zauber einer gewaltigen
Ruine ausübte, mit offenem Auge für die herbe Schönheit des kastilischen Landes,
brachte dem religiösen Gefühlsleben seiner Bewohner volles Verständnis entgegen
und vermochte diesen Geist seinen Schöpfungen mit derselben Kunst einzuflößen, mit
der er in seinen Bildnissen den Charakter dieser spanischen Hidalgos, Caballeros,
Canonigos und Frailes erfaßt hat.
Rainer Maria Rilke hat einmal gesagt, beim Eintritt in Toledo habe man das Gefühl,
es müsse einem entweder ein Löwe oder ein Heiliger entgegenkommen: Greco ist bei
seinem Einzug von dem ganzen Heiligenhimmel Spaniens empfangen worden. Was
der Kreter in dieser einzigartigen Stadt mit seinen leiblichen Augen sah, konnte ihm
nur halbe Wirklichkeit scheinen und mußte seinem inneren Auge all jene Visionen
eröffnen, die er dann mit seinen Pinseln niedergeschrieben hat.

10

145
loading ...