Deutscher Altphilologenverband [Editor]
Mitteilungsblatt des Deutschen Altphilologenverbandes — 19.1976

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einziges Lernziel genannt, in dem die Situation des Schülers in die Betrachtung
einbezogen wird; in manchen Fällen wird der Gegenstand sogar gewaltsam weit von
ihm weggerückt, wenn er etwa lernen soll, lateinische Texte unter Berücksichtigung
der Quantitäten zu lesen.
Alle Lernziele müßten so umgestaltet werden, daß in ihrer Formulierung erkenn-
bar wird, in welcher Weise der Schüler in seiner besonderen Situation durch den
Lernprozeß in Bewegung gebracht werden kann.
5. Einige Lernziele setzen eine bestimmte Interpretation der Menschheitsgeschich-
te voraus, die als solche nicht zum Gegenstand gemacht und damit kritischer Betrach-
tung nicht zugänglich wird. Solche Lernziele sind Ideologie, wenn man darunter
Ideenzusammenhänge versteht, die dazu dienen, den kritischen Blick von der Wirk-
lichkeit abzulenken und sie damit zu befestigen. So ist das Ziel, Bewußtsein von der
europäisch-humanistischen Tradition zu erreichen, für einen Schüler, der in der
zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts in der Bundesrepublik Deutschland
lebt, gefährlich, da sein Blickfeld nicht nur beschränkt wird, sondern das außerhalb
Liegende auch noch eine negative Wertung erhält.
6. Der Lernzielkatalög ist ohne Systematik. Zwar glaubt man zunächst, es liege ein
Aufbau von elementaren Fähigkeiten zu komplexeren Fähigkeiten vor. Dann aber
fällt die Liste in instrumentale Fähigkeiten zurück, um sich noch einmal zu erheben zu
einem allgemeinen Lernziel, das sogar reflektorische Züge enthält, nämlich erweiter-
tes Verständnis der Muttersprache.
Diese unsystematische Anordnung hat sicher verschiedene Ursachen. So mag
allein schon die Tatsache, daß man Kompromisse schließen muß, zur Folge haben,
daß verschiedene Denkansätze sich verwirren. Wichtiger aber scheint mir, daß
tatsächlich kein klares Ziel bewußt ist, oder aber man zwar ein Ziel hat, dies aber
nicht nennen will, um den Konflikt mit dem Zeitgeschmack zu vermeiden.
Ich habe selbst in mehreren Ansätzen versucht, eine systematische Lernzielkonzeption zu
entwerfen. Ich will dieses Konzept hier nur andeuten.
Lateinunterricht hat das Ziel, im Schüler ein reflektierendes Sprachverhalten zu erzeugen.
Beim Hören und Sprechen, beim Lesen und Schreiben sollen ihm die Bedingungen bewußt
werden, unter denen er und sein Partner steht. Dadurch wird es möglich, sprachliche Äußerun-
gen aus der starren Fixiertheit zu lösen, in die sie geraten, wenn sachbezogene Zielgerichtetheit
das menschliche Verhalten ausmachen.
Dieses Ziel verwirklicht sich in zehn Betrachtungsfeldern.


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