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102 Meggendorfer-Blätter, München

— „Kommerzienrat Obermann, der doch den Anstoß zur Errichtung des ncuen
Kurhauses gegcben hat, bleibt der Grundsteinlegung fern? Lat er denn
einen Grund dazu?"

— „Ia, den für das Kurhaus; — aber nun haben sie doch einen andern gekauft."

Das Titelbild dieser Nummer, „Äusarenpatrouille",
ist von Prosefsor Carl Becker, München.

Der Lebenszweck

Von Peter Robinson
Konstantin Opleger,
der junge Dichter, hatte
sein erstes Buch heraus-
gebracht, sieben Novel-
len unter dem Gesamt-
titel: Aus meinen ne-
beligen Nächten. Ein
Eremplar ließ er schön
binden und schickte es
seinein betagten Vater,
der in einer kleinen
Stadt ein stilles Rent-
nerdasein führte. Kon-
stantin wollte seinem al-
ten Lerrn eine Freude

Chinesen und Stachelschwein

machen. Das Büchlein sollte ihm bewei-
sen, daß all das viele Geld. das er Kon
stantin getrculich durch Postanweisungen
übermittelt hatle, nicht umsonst aus-
gegeben war.

Der alte Lerr Opleger war aber ge-
rade krank. Doktor Breifuß, sein Äaus-
arzt, wußte nicht, was er mit ihm an
stellen sollte. Seine ärztliche Weisheit
gab den Spruch ab: „Der alte Mann
ist eben verbraucht. Er weiß nicht mehr,
was er noch eigentlich auf der Welt
soll; er hat keinen Lebenszweck inehr.
ilnd deshalb wird er verlöschen wie ein
Licht, das ausgebrannt ist."

Da kam die Paketpost und brachte
Opleger senior das schön gebundene
Exemplar der „Nebeligen Nächte" seines
Sohnes Lt!onstantin. Mit zitternden §>än-
den schlug der alte Lerr das Buch auf.
Zwei Stunden später machte Doktor Brei-
suß seinen Besuch und fand seinen Pa-
tienten etwas munterer. Da hatte Lerr
Opleger die erste Novelle gelesen.

Am nächsten Tage sprach der Kranke
den Wunsch aus, eine kräftige Suppe zu
erhalten. Da halte er die zweite No-
velle gelesen.

Am dritten Tage verlicß Opleger
scnior auf eine halbe Stunde sein Bett.
Da hatte er die dritte Novelle gelesen.
Am vierten Tage — nach der vierten
Novelle — aß er ein halbes Luhn mit
Reis; am fünsten Tage nahm er ein
Schnihel nebst einer halben Flasche Rot-
wein zu sich und spazierte zwei Stunden
im Zimmer umher; am sechsten Tage
ging er ein bißchen in seinen Garten,
und am siebenten Tage, als er die letzte
Novelle gelesen, machte er einige Frei-
übungen, um wieder etwas gelenkig zu
werden nach all der Bettruhe.

Am achten Tage aber traf Doktor
Breifuß, als er in Lerrn Oplegers Laus
treten wollte, mit diesem in der Tür zusammen. Der alteLerr
trug eine Reisetasche in der einen und einen dicken Stock in der
andern Land. „Oho, lieber Freund," sagte Doktor Breifuß,

„wo wollen Sie denn
hin?" Da sprach Lerr
Opleger: „Ich will zu
memem Sohn Konstan-
tin fahren. Jch muß den
verdammtenBengelmal
ganzgehörig verhauen." .

Bewiesener Erfolg

-- „Ist dieses Kraft-
nährmittel aber auch
tatsächlich wirffam?"
— „Das meine ich! Erst
neulich hat ein Lerr
nach vierzehntägigem
Gebrauche für eine
Ohrfeige fünfzigKronen
Strafe zahlen müffen!"

lüopzkriAdt 1914 bz^ .7. b'. Sebrelbsr
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