Meggendorfers humoristische Blätter: Zeitschr. für Humor u. Kunst — 49.1902 (Nr. 588-600)

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chen an ihreni „Peiniger" zu kühlen. Professor Isegrimm
aimote ordontlich erleichtert aus, wcnn er an solch einem Tage
aus der Alasse herauskam, ohne das; ihni jeniand „aus Versehen"
auf seine Lackstiefel getreten mar, oder seine Arawatte einen
rätselhaften Tintenklex aufwies, oder ein ellcnlanger Lindfaden
aus seinen Frackschößen heraushing.

ttteist betrat er an den beiden kritischen Tagen glcichzeitig
init den Schülern zusamuicn das Rlassenzimmer, d. h. einc
Oiertelstunde vor Schulbegtnn, um jedcr Ungchörigkeit von vorn-
herein zu begegnen.

An dem Unglückstage aber, mo den Lsauptanstifter endlich
sein Schicksal erreichen sollte, wurde er seiner Gewohnheit
untreu, nnd argwöhnisch schwciften deshalb seine Blicke über
die bereits vollzählig anwesende Alasse, als or pnnkt acht Uhr
dcn Schulsaal betrat. Uiusterhafte Unhe empfiug ihn.

Das ist kein gutes Zeichen, dachte er. Die Bande hat sicher
wieder eino Teufelei ausgehecktl Sorgfältig und unauffällig
tastete er an der Aante des Ratheders entlang, ob sie nicht
wieder mit roter Tinte beschmiert wäre, wie nenlich, vorsichtig
betrat er das Pgdium, für den Fall, daß zufällig wicder ein
Brett locker scin sollte, wie vor drei tvochen, wo er samt Frack
und Lackschuhen in die versenkung gegangen war, slüchtig glit-
ten seine Blicke nach der Zimmerdecke empor, ob sie nicht wieder
mit lseringsseelen behängt sei, deren lserabfallen seine Brust
in unerwünschter IBeise dekoriert hätten. Aber es war nirgends
elwas Ungcwöhiiliches wahrzunehmen, und beruhigt ließ er sich
endlich auf seineu Stuhl nieder.

Im Verlauf des Unterrichts machte sein vortrag es nötig,
eine Demonstration an der wandtafel vorzunehmen. Isegrimm
erhob sich deshalb, kaum aber hatte er der Alasse den Rücken
gewandt, als ein unterdrücktes Aichern an sein Bhr schlug.
U)ie tausend Nadelstiche drang es ihm ins Utark und blitzschnell
drehtc er sich um.

„tvas gibt es denn schon wicder, ihr alberncn Rindsköpfe l"
herrschte or die Schüler an.

Aber so schr auch seine Augen Blitze schossen und seinc
Denkerstirne droheude Faltcn zeigte, die Lxplosion war nicht
mehr zurückzuhalten. Uiit Gluckscn und Unurksen und allen
jenen Lauten, für die die deutschc Sprache keine Bezeichnung
hat, kündigte sie sich an, um gleich darauf mit aller vehemenz
loszubrechen.

„Da — da — das ist aber doch schon dte höhere Unver-
schämtheit, mir so ins Gesicht zu lachen," rief der jdrofessor,
krebsrot bis in den Nacken hinunter. „Uiüller, Sie gottver-
lassener Uiensch, sageu Sie mir sofort: was haben Sio so
niederträchtig zu lachen?"

Der Angorufene, nicht minder rot, als der erboste Ise-
grimm, stand auf, würgte eine UDeile an seinem Taschentuch,
das er sich in den Uiund gestopft hatte und platzte dann heraus:
„kferr Professor sind ganz weiß hintenl"

„Ich — weiß?" schrie Isegrimm.

„Iawohl, Sie sind wo angestrichen," klang es unisono zurück.

Der professor blickte prüfend über seine Schnltern.

„Soll tch Sie abbürsten therr Profossor?" rief ein lheuchler
aus der vordersten Bank und sprang eilfertig auf. Aber Ise-
grimm wehrto ihn mit beiden lhänden ab.

„Bleiben Sie mir drei Schritte vom Teibe!" kreischte er
und zog unwillkürlich seine Lackschuhe ein. Dann zog er kurz
entschlossen seinen Frack aus und betrachtete ihn mit grimmiger
Uiiene. UAe sah der Arme ausl Ueber und über weiß, als
sei er aus einer Aalkgrube gezogen. Und dazu das infame
Gelächter der unverschämten Gesellschaft.

„An den lfosen auch, therr Professor," tönte eine schüchterne
Stimme mitten aus dem Lärmen. „Mie — was, Sie Frechlingl"
schrie Isegrimm und machte einen Satz, um sich auch die zweite
Unfallstelle anzusohen, was ihm jedoch mißlang.

Dann warf er den Frack mit einem unterdrückten Fluch
auf das pult, krenzte die Arme über der keuchenden Brust und
sah die Alasse mit cinem Blicke an, der auch die verwegensten
Spötter verstuinmen machte.

„Ich zähle jetzt bis drei," sagte er mit heiserer Stimme.
„ivenn sich nach dieser Zeit der nichtsnutzige Schlingel nicht
meldet, der diese schmähliche Gaunerei angestiftet hat, dann
lasse ich die ganze Alasse einsperren."

Totenstille!

„Gut," fuhr Isegrimm fort. „Ietzt wende ich mich an dic
ganze Alasse und verpflichte jeden einzelnen, mir deu oder die
Schuldigen zu nennen."

Ulieder Schweigenl

„Sie spielen die verstockten. Nun, so werde ich noch heute
die Relegation sämtlicher Schüler beantragen."

Isegrimm wandte sich nach seinem Rock, um ihn wieder
anzuziehen, dabei fiel aber sein Blick auf den über und über
mit Rreide beschmierten Stuhl und des Rätsels Lösung ward
ihm knnd. Schon wollte er von neuem auffahren, aber da
schien im plötzlich ein Gedanke zu kommen. „Ich gehe jetzt, um
den Direktor herbeizuholen, der wird bald genug Licht in die
Sache bringen," sagte er gelassen und schritt zur Thüre hinaus.

Aaum aber war diese hinter ihm zugefallen, als wie der
Blitz ein langer Sekundaner von der hintersten Bank empor-
sprang, den Tafellappen ergriff und aus Leibeskräften den be-
schmierten Stuhl zu putzen begann. Gespannt folgten die
übrigen seinem Thun. ivenn es ihm gelang, jede Spur seiner
verbrecherischen That zu verwischen, so war er und mit ihm
die ganze Alasse gerettet. Ls ist begreiflich, daß solchergestalt
das Interesse allcr auf den Reinigungsprozeß gerichtet war,
und so bemerkten sie nicht, wie sich leise und heimlich die Thüre
öffnete, wie ein diabolisch lächelndes Gesicht durch dieselbe
hereinschaute, wie ein rächender Arm sich immer länger und
länger hindurch streckte und dieser Arin plötzlich den zu Tode
erschrockenen Sekundaner packte, während eine fürchterliche
Stimme rief:

„So, Sie Galgenstrick — habe i ch Sie endlich
erwischt?"

Isegrimms Schläue hatto diesmal den Sieg davongetragen.

C. A. Hg.

verantwortlicher Redakteur: Max Schreiber. Druck von I. F. Schreiber, beide in Lßlingen bei Stuttgart.
In Besterreich-Ungarn für kserausgabe und Redaktion verantwortlich: Robert Mohr in ivien I.
Vrrlsg von I. F. Schrribrr in Münchrn und EHlingrn.
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