Meier-Graefe, Julius
Pyramide und Tempel: Notizen während einer Reise nach Ägypten, Palästina, Griechenland und Stambul — Berlin, 1927

Page: 54
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/meier_graefe1927/0062
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
DIE MENSCHEN DER PYRAMIDEN

andere, deren Statuen man aus den Tempeln und Grab-
häusern hierhergebracht hat. Die ungeheuerliche Tat-
sache erschöpft sich nicht mit der steckbrieflichen Fest-
stellung einer Realität, obwohl es erstaunlich genug ist,
die Gesichter der Leute vor fünftausend Jahren kennen
zu lernen. Das war in Sakkara nicht zu ersehen. Wohl
erfuhr man durch die Reliefbilder von den Dingen ihrer
Täglichkeit, von ihrem Spiel mit diesen Dingen und ihrer
zur Dichtung erhobenen Vorstellung. Man entbehrte
nichts. Gerade diese Art der Mitteilung schien von der
Technik der Rüder bedingt, gab ihnen den Reiz und er-
füllte ideal die Restimmung der Räume. Nie hätte man den
Erbauern der Pyramiden etwas Kindliches zugetraut. Nun
gilt dasselbe von der Rundplastik, die in den Räumen
stand. Nie waren den Reliefbildnern diese Statuen zuzu-
trauen. Die großen Profile in Sakkara, von denen auch ein
paar der schönsten im Magazin von Kairo aufbewahrt
werden, sind Arabesken erhabenen Stils; minderbar mu-
sikalische Linien, aber doch Linien, und dürfen nichts an-
deres sein, denn die Technik gibt keine größere Stofflich-
keit des Abbildes her. Stärkere Retonung des Eildnishaften
hätte den Zusammenhang mit der Graphik der übrigen
Dekorationen gestört.

Mit dem Standbild erhielt die Totenvilla das nicht nur
dekorative Zentrum und wurde bewohnt. Die formale Er-
gänzung der einen Art durch die andere ist unersetzlich,
weil die Reliefbildnerei eben doch das Spasma der Plastik
enthielt und die Statue mit Flächenrhythmen zu umhüllen
vermochte. Die Remalung fügte eine höchst wesentliche
dekorative Verbindung hinzu und kann oft nur als solche,
ein Mittel häuslicher Harmonie, begriffen werden. Die
Zerstörung dieser Einheit ist beklagenswert. Das Haus des
Ti ohne sein Standbild, ohne die gestaltgewordene Um-
sicht und Güte des Hausherrn, ist Fragment. Dem weib-
lichen Wandschmuck fehlt der Ernst statuarischer Männ-

54
loading ...